Hausärzt:in 09/2026
Ärzt:in Assistenz 2026

Welttag der psychischen Gesundheit

Anlässlich des Welttags der psychischen Gesundheit am 10. Oktober rücken internationale Organisationen und österreichische Fachgesellschaften die Erfahrungen von Menschen mit psychischen Erkrankungen in den Mittelpunkt. Das diesjährige Motto des World Mental Health Day 2026 lautet "Lived Experiences Heard: Real Voices, Real Change" und fordert, Betroffene nicht nur anzuhören, sondern sie aktiv in Entscheidungen über Versorgung, Angebote und Gesundheitspolitik einzubeziehen.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) lebte 2023 weltweit fast jeder siebte Mensch mit einer psychischen Erkrankung. Hinter dieser Zahl stehen unterschiedliche Lebensgeschichten, Belastungen und Bedürfnisse. Die WHO betont, dass Menschen mit eigener Krankheitserfahrung über wertvolles Wissen verfügen, das bei der Weiterentwicklung von Versorgungsstrukturen stärker berücksichtigt werden sollte. Psychische Gesundheitssysteme seien besonders dann wirksam, wenn sie personenzentriert gestaltet werden und die Perspektiven Betroffener in Planung, Umsetzung und Evaluierung einfließen.

Betroffene stärker einbinden

Auch der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) hebt hervor, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen häufig zwar ihre Erfahrungen schildern sollen, bei Entscheidungen über die Weiterentwicklung von Versorgungsstrukturen aber zu wenig eingebunden werden. Der Verband fordert daher, Betroffene und ihre Interessenvertretungen stärker an gesundheitspolitischen Entscheidungen zu beteiligen und bestehende Versorgungslücken zu schließen. Gleichzeitig müsse ein zeitnaher und leistbarer Zugang zu psychotherapeutischer Behandlung sichergestellt werden.

Eine psychische Erkrankung könne den Alltag, persönliche Beziehungen und das Berufsleben erheblich beeinflussen, betont der ÖBVP. Gleichzeitig sagen Diagnosen oft nur wenig darüber aus, was einen Menschen insgesamt ausmacht. Betroffene benötigen ein Umfeld, in dem sie offen über ihre Situation sprechen können, ohne auf ihre Erkrankung reduziert zu werden. Verständnis im sozialen Umfeld und ein niederschwelliger Zugang zu professioneller Unterstützung gelten als wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Behandlung.

Laut der österreichischen Gesundheitsbefragung 2019 berichteten rund 9 % der Frauen und 6 % der Männer ab 15 Jahren, innerhalb der vorangegangenen zwölf Monate unter Depressionen gelitten zu haben.

Einsamkeit betrifft besonders junge Menschen

Psychische Gesundheit wird wesentlich von sozialen Faktoren beeinflusst. Aktuelle Daten der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) zeigen, dass insbesondere junge Menschen von Einsamkeit betroffen sind. Rund 20 % der 16- bis 24-Jährigen geben an, sich immer oder meistens einsam zu fühlen. Nach der UCLA-3-Einsamkeitsskala gelten sogar 47 % dieser Altersgruppe als von Einsamkeit betroffen.

Auch bei Jugendlichen zeigt sich ein ähnliches Bild: Jedes fünfte Mädchen und etwa jeder zehnte Bursche zwischen 11 und 17 Jahren fühlt sich meistens oder immer einsam. Je häufiger Einsamkeit erlebt wird, desto geringer sind Lebenszufriedenheit und psychisches Wohlbefinden. Gleichzeitig treten depressive Verstimmungen häufiger auf.

Darüber hinaus verbringen rund ein Drittel der 16- bis 24-Jährigen täglich mindestens vier Stunden in sozialen Medien. 80 % nutzen KI-Anwendungen, rund ein Viertel hat diese bereits eingesetzt, um sich weniger allein zu fühlen. Unter häufig einsamen jungen Menschen berichten 29 %, dass KI-Chatbots für sie eine emotionale Unterstützung darstellen.

Psychosomatische Beschwerden ernst nehmen

Zum Welttag der psychischen Gesundheit macht auch die Österreichische Gesellschaft für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin (ÖGPPM) auf die Bedeutung einer Medizin aufmerksam, die körperliche, psychische und soziale Faktoren gleichermaßen berücksichtigt. Die Fachgesellschaft betont, dass psychosomatische Beschwerden weder eingebildet noch medizinisch unbegründet seien. Psychosomatische Medizin erweitere die klassische somatische Diagnostik um wesentliche Perspektiven auf das Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Einflussfaktoren.

Besondere Aufmerksamkeit verdient dabei ein Befund aus dem Austrian Health Report 2026: Frauen berichten deutlich häufiger als Männer, dass ihre Beschwerden als psychisch oder psychosomatisch abgetan werden.

Die ÖGPPM fordert daher eine stärkere Verankerung psychosomatischer Kompetenz in der medizinischen Regelversorgung sowie eine angemessene Finanzierung entsprechender Leistungen. Unterstützt wird zudem die Forderung der Österreichischen Ärztekammer, die rund 1.500 entsprechend qualifizierten Ärzt:innen außerhalb des Fachgebiets Psychiatrie stärker in die Finanzierung psychosozialer, psychosomatischer und psychotherapeutischer Leistungen einzubinden. Ziel sei es, psychosomatische Medizin für Patient:innen breiter als Kassenleistung verfügbar zu machen.

Hohe gesellschaftliche und wirtschaftliche Belastung

Die Folgen psychischer Erkrankungen reichen weit über das individuelle Leiden hinaus. Eine im Fachjournal Nature Medicine veröffentlichte Studie schätzt die weltweiten volkswirtschaftlichen Kosten von Depressionen zwischen 2025 und 2050 auf rund zwölf Billionen US-Dollar. Dies entspricht etwa 0,46 % der jährlichen globalen Wirtschaftsleistung.

Für Österreich berechneten die Forscher:innen volkswirtschaftliche Schäden von rund 45 Milliarden US-Dollar im selben Zeitraum. Die Belastung entsteht dabei vor allem durch verringerte Erwerbsbeteiligung und Produktivitätsverluste, weniger durch direkte Behandlungskosten. Als wesentliche Gegenmaßnahmen nennen die Autor:innen eine bessere Versorgung psychischer Erkrankungen, die stärkere Integration psychischer Gesundheit in die Primärversorgung sowie den Ausbau von Therapieangeboten und eine frühzeitige Behandlung.

Die aktuellen Daten und Stellungnahmen zum Welttag der psychischen Gesundheit 2026 verdeutlichen die hohe gesundheitliche, soziale und wirtschaftliche Bedeutung psychischer Erkrankungen. Fachgesellschaften und internationale Organisationen sehen insbesondere beim Zugang zu Psychotherapie, beim Ausbau psychosomatischer Angebote, bei der stärkeren Beteiligung Betroffener sowie bei der frühzeitigen Unterstützung von Menschen mit psychischen Belastungen Handlungsbedarf.