Klinische Forschung ist nicht nur die Grundlage für die Entwicklung und Zulassung innovativer Krebstherapien, sondern ein wesentlicher Bestandteil der täglichen Versorgung von Patient:innen mit onkologischen Erkrankungen. Diese zentrale Botschaft stand im Mittelpunkt des diesjährigen Österreichischen Onkologie Forums. Vertreter:innen der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie & Medizinische Onkologie (OeGHO) und der Austrian Breast & Colorectal Cancer Study Group (ABCSG) warnten dabei vor einem deutlichen Rückgang klinischer Studien in Österreich und forderten sowohl eine strukturelle Absicherung als auch verstärkte Informationsmaßnahmen.
"Klinische Studien sind für die Entwicklung und Zulassung innovativer Therapien essenziell, das ist unbestritten. Aber sie sind ebenso für die onkologische Regelversorgung in Österreich unverzichtbar", betonte Univ.-Prof. Dr. Ewald Wöll, Präsident der OeGHO. Angesichts der von der WHO prognostizierten starken Zunahme von Krebsdiagnosen in den kommenden Jahrzehnten seien medizinische Innovationen entscheidend, um Patient:innen künftig bestmöglich versorgen zu können. Diese Innovationen seien ohne klinische Forschung allerdings nicht vorstellbar.
Neben ihrem wissenschaftlichen Nutzen haben klinische Studien nach Ansicht der OeGHO auch einen unmittelbaren Versorgungs- und Standortvorteil. Studienpatient:innen erhalten oftmals bereits früh Zugang zu innovativen Therapien, die außerhalb von Studien noch nicht verfügbar sind. Gleichzeitig profitieren sie von einer besonders engmaschigen Betreuung durch spezialisierte Studienteams sowie von umfassenden Informationen über ihre Erkrankung und Behandlungsmöglichkeiten.
Darüber hinaus tragen klinische Studien auch zur Entlastung des Gesundheitssystems bei. Wie Priv.-Doz.in Dr.in Kathrin Strasser-Weippl, MBA, Medizinische Leiterin der OeGHO und designierte Leiterin des Tumorzentrums Oberösterreich, erläuterte, generieren klinische Studien jährlich einen erheblichen Behandlungswert für das österreichische Gesundheitssystem. Krankenhäuser profitieren unter anderem von kostenfreier Prüfmedikation sowie von der Übernahme von Aufwendungen für Diagnostik, Therapie, Dokumentation und administrative Leistungen. "Klinische Forschung ist deshalb nicht ein fakultatives Zusatzangebot einzelner akademischer Zentren, sondern muss grundlegender Bestandteil der onkologischen Versorgung in der Breite sein", stellte Strasser-Weippl klar.
Umso besorgniserregender sei der aktuelle Trend. Zwischen 2021 und 2024 ging die Zahl klinischer Studien in Österreich um 28 % zurück, ehe sich die Situation im Jahr 2025 nur geringfügig verbesserte. Besonders relevant ist diese Entwicklung für die Onkologie, da nahezu jede zweite laufende klinische Studie diesem Fachgebiet zuzuordnen ist. Auch die Zahl der Studienteilnehmer:innen ist in der Onkologie höher als in jedem anderen medizinischen Bereich. Der Rückgang klinischer Studien hat weitreichende Folgen. Patient:innen verlieren den Zugang zu innovativen Therapien, der Forschungsstandort Österreich büßt an Attraktivität und Know-how ein, und wichtige Entlastungseffekte für das Gesundheitssystem gehen verloren.
Gleichzeitig zeigt sich, dass die Bereitschaft zur Teilnahme an klinischen Studien in Österreich weiterhin vergleichsweise gering ausgeprägt ist. Zwar bewertet eine große Mehrheit der Krebspatient:innen klinische Forschung als wichtigen Beitrag zum medizinischen Fortschritt, dennoch bestehen Vorbehalte hinsichtlich Sicherheit und Nutzen. Ein Teil der Befragten verbindet Studienteilnehmer:innen nach wie vor mit dem Bild des "Versuchskaninchens". Auch im europäischen Vergleich liegt die grundsätzliche Bereitschaft zur Studienteilnahme in Österreich unter jener anderer Länder wie Deutschland oder Schweden.
Vor diesem Hintergrund fordert die OeGHO eine umfassende Informationsoffensive für Patient:innen und die breite Öffentlichkeit. Die Bedeutung klinischer Forschung für den medizinischen Fortschritt sowie die hohen Sicherheitsstandards moderner Studien müssten stärker ins Bewusstsein gerückt werden. Gleichzeitig plädiert die Fachgesellschaft für eine langfristige strukturelle Absicherung klinischer Forschung in Österreich. Diese sei erforderlich, um die onkologische Versorgung auf hohem Niveau zu erhalten und den Forschungsstandort Österreich nachhaltig zu stärken.
Gemeinsam mit der ABCSG hat die OeGHO im Rahmen des Österreichischen Onkologie Forums konkrete Verbesserungspotenziale identifiziert und in einem Positionspapier zusammengefasst. Die Empfehlungen reichen von einheitlichen Rahmenbedingungen für Kosten- und Vertragsstrukturen über die Bereitstellung von Infrastruktur und administrativer Unterstützung bis hin zu einer stärkeren nationalen Vernetzung bei der Studienrekrutierung. Weitere Vorschläge betreffen österreichweit harmonisierte Overhead-Regelungen, die Möglichkeit standortübergreifender Studiendurchführung, englischsprachige Standardverträge für internationale Studien sowie eine stärkere Spezialisierung von Ethikkommissionen.
Univ.-Prof. Dr. Michael Gnant, Präsident der ABCSG richtete einen klaren Appell an Politik und Entscheidungsträger:innen: "Im Namen der vielen Expert:innen, die im Rahmen des Österreichischen Onkologie Forums an der Diskussion teilgenommen haben, fordern wir die Entscheidungsträger:innen und Politik auf, diese konkreten Verbesserungspotenziale rasch umzusetzen und in die Life Sciences Strategie Österreichs zu inkludieren. Sie sind von größter Bedeutung für unser Gesundheitssystem – und sie sind zum Großteil vollkommen kostenneutral zu realisieren."
Unabhängig von den politischen Forderungen setzt die OeGHO selbst bereits konkrete Maßnahmen um. Als zentrales Zukunftsprojekt entsteht derzeit die Onkologische Studienplattform, eine österreichweite Datenbank für aktuell rekrutierende klinische Studien in der Onkologie und Hämatologie. Die Plattform soll von Oktober 2026 bis Oktober 2027 entwickelt werden und allen Studienzentren die Möglichkeit bieten, ihre Studien eigenständig einzupflegen. Behandelnde Ärzt:innen sollen dadurch rasch geeignete Studien identifizieren und direkt mit den jeweiligen Studienteams Kontakt aufnehmen können. Alle Studienzentren werden die Möglichkeit haben, ihre Daten selbst einzupflegen, sodass behandelnde Ärzt:innen im Anlassfall direkt mit den jeweiligen Studienteams Kontakt aufnehmen können. Die Plattform werde dadurch die standortübergreifende und überregionale Studienrekrutierung deutlich erleichtern und letztlich den Zugang österreichischer Patient:innen zu innovativen Behandlungsoptionen verbessern.