Primäre und sekundäre Immundefekte, verschiedene erworbene Erkrankungen sowie immunsuppressive Therapien und operative Eingriffe können zu einer temporären oder dauerhaften Immunsuppression führen. Betroffene Patient:innen weisen ein erhöhtes Risiko für Infektionen auf und entwickeln im Erkrankungsfall häufiger schwere oder komplizierte Verläufe.
Die Impfprävention stellt daher einen zentralen Bestandteil der Versorgung immunsupprimierter Personen dar. Dennoch liegen die Impfquoten in dieser Patientengruppe vielfach unter den Empfehlungen. Ursachen sind unter anderem Unsicherheiten hinsichtlich Wirksamkeit und Sicherheit von Impfungen bei eingeschränkter Immunfunktion, unzureichende Information von Patient:innen und Angehörigen sowie die oft schwer abschätzbare individuelle Immunkompetenz.
Mit der Einführung zahlreicher neuer immunmodulierender und immunsuppressiver Therapien hat die Komplexität der Impfplanung deutlich zugenommen. Gleichzeitig wird das durch diese Behandlungen bedingte Infektionsrisiko im klinischen Alltag häufig unterschätzt. Eine sorgfältige Erhebung der Grunderkrankung sowie der aktuellen oder geplanten immunsuppressiven Therapie ist daher essenziell für die individuelle Impfstrategie.
Die erstmals 2016 publizierten Empfehlungen zur Impfversorgung immunsupprimierter Personen wurden auf Basis aktueller Evidenz umfassend überarbeitet und erweitert. Neben grundlegenden Aspekten der Immunsuppression und relevanten immunologischen Fragestellungen zur Impfplanung, zur Erfassung der Impffähigkeit und zur Beurteilung des Impferfolgs. Außerdem werden aktuelle Impfstoffentwicklungen berücksichtigt. Zudem erfolgt eine systematische Einordnung häufig eingesetzter immunsuppressiver Wirkstoffe nach Grad der Immunsuppression und assoziiertem Infektionsrisiko. Ergänzende Impfschemata erleichtern die Umsetzung im klinischen Alltag.
Eigene Kapitel widmen sich besonderen klinischen Situationen, darunter Patient:innen, bei denen Impfungen nicht möglich sind, sowie reisemedizinischen Fragestellungen im Kontext einer Immunsuppression.
Besondere Aufmerksamkeit sollte Patient:innen gelten, bei denen eine immunsuppressive Therapie geplant ist, beispielsweise bei rheumatologischen, gastroenterologischen, dermatologischen oder onkologischen Erkrankungen. Der Impfstatus sollte idealerweise vor Therapiebeginn vollständig erhoben und fehlende Immunisierungen nachgeholt werden. Dadurch lassen sich höhere Impfantworten erzielen und gegebenenfalls erforderliche Lebendimpfungen noch vor Einleitung der Immunsuppression sicher durchführen.
Für die praktische Anwendung gilt:
- Immunsuppression frühzeitig erkennen und dokumentieren.
- Impfstatus möglichst vor Beginn einer immunsuppressiven Therapie vollständig erheben.
- Fehlende Impfungen nach Möglichkeit vor Therapiebeginn nachholen.
- Totimpfstoffe können in den meisten Fällen auch unter laufender Immunsuppression verabreicht werden.
- Lebendimpfstoffe sind bei ausgeprägter Immunsuppression häufig kontraindiziert oder nur innerhalb definierter Therapieintervalle zulässig.
- Die Beurteilung der Impffähigkeit sollte stets unter Berücksichtigung von Grunderkrankung, Ausmaß der Immunsuppression sowie aktueller oder geplanter Therapie erfolgen.
- Eine verminderte Impfantwort unter Immunsuppression berücksichtigen und gegebenenfalls den Impferfolg kontrollieren.
- Auch den Impfschutz von Haushaltsangehörigen und engen Kontaktpersonen beachten.
Impfungen sind ein wesentlicher Bestandteil der Versorgung immunsupprimierter Patient:innen und tragen maßgeblich zur Reduktion infektiöser Komplikationen bei.