Für ihre Analyse zu "Geschlechtsunterschieden in der Herz-Kreislauf-Krankheitslast, den Risikofaktoren und dem Krankheitsspektrum in Europa" verwendeten die Wissenschafter:innen, darunter auch Daniel Scherr von der MedUni Graz, Daten der "Global Burden of Disease Studie" aus dem Jahr 2023. Zudem wurde die Entwicklung bei den Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie Herzinfarkt, Schlaganfall etc., für den Zeitraum 1990 bis 2023 betrachtet.
Im Jahr 2023 war laut den Expert:innen die Gesamtbelastung durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der ESC-Region bei Männern und Frauen weitgehend ähnlich, wobei Frauen 55 % (sechs Millionen) der Fälle und 50 % der Todesfälle (1,5 Millionen) ausmachten. Das scheinbare Gleichgewicht verschleiere jedoch "deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede" in der Häufigkeit verschiedener Erkrankungen, bei den Risikofaktoren und den geografischen Unterschieden, wird in der Studie betont. "Im Vergleich zu Männern wiesen Frauen einen geringeren Anteil an Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufgrund ischämischer Herzkrankheit (Verengung der Koronararterien durch Atherosklerose; 38 % versus 21 %) und einen höheren Anteil aufgrund peripherer arterieller Verschlusskrankheit (23 % versus 19 %) auf", so die Wissenschafter:innen. Etwa 25 % der späteren Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen dürften schon durch Bluthochdruck während Schwangerschaften "angelegt" worden sein.
Die Sterblichkeit aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist laut den Berechnungen zwischen 1990 und 2023 in den 55 Ländern durchwegs gesunken. Für die gesamte Region der in der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie vertretenen Staaten verringerte sie sich um 50,5 % (Männer und Frauen insgesamt). Die Abnahme der Herz-Kreislauf-Mortalität betrug in Österreich 56,6 %. Länder wie Portugal (minus 72,8 %), Israel (minus 71,3 %) oder Dänemark (minus 71 %) schnitten hier deutlich besser ab. Für Westeuropa (inkl. Österreich) wurde eine durchschnittliche Abnahme der Herz-Kreislauf-Mortalität um 61,5 % festgestellt. In Österreich waren die Veränderungen bei der Sterblichkeit durch diese Erkrankungen bei Männern und Frauen etwa gleich (minus 56,4 % bei Männern, minus 56,9 % bei Frauen).
Deutliche Unterschiede zeigten sich auch in den Risikoprofilen: Männer wiesen bei Tabak und Alkohol insgesamt um 10-20 % höhere Konsumwerte auf als Frauen. Andererseits lagen die Frauen beim Body-Mass-Index und beim Mangel an körperlicher Betätigung 5-15 % schlechter.
"Die Belastung durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen variierte weiterhin stark zwischen den Ländern, wobei Frauen deutlich stärker betroffen waren als Männer. Der Unterschied zwischen den Ländern mit der niedrigsten und der höchsten Häufigkeit war bei Frauen etwa dreimal so hoch wie bei Männern, die Unterschiede in der Mortalität und der vorzeitigen Mortalität waren sogar noch größer (bis zu 25-fach bei Frauen)", halten die Wissenschafter:innen fest.
Die Analyse wurde vor Kurzem im "European Heart Journal" veröffentlicht.