Das Tourette-Syndrom (TS) ist eine chronische, meist im Grundschulalter beginnende neuropsychiatrische Störung mit einer Prävalenz von etwa 0,4–0,7 %. Charakteristisch sind multiple motorische Tics sowie mindestens ein vokaler Tic. Pathophysiologisch wird u. a. eine Dysregulation dopaminerger Neurotransmission diskutiert. Leitlinien empfehlen primär eine verhaltenstherapeutische Intervention (z. B. Habit-Reversal-Training); eine pharmakologische Therapie kann zusätzlich zu einer moderaten Symptomreduktion beitragen. Hierbei kommen v. a. Dopamin-D2-Rezeptor-antagonistische bzw. -modulierende Antipsychotika wie Tiaprid und Aripiprazol zum Einsatz, deren Anwendung jedoch durch relevante Nebenwirkungen limitiert ist.
Ecopipam stellt einen neuartigen therapeutischen Ansatz dar. Es handelt sich um einen selektiven Dopamin-D1-Rezeptorantagonisten, wodurch sich ein potenziell günstigeres Nebenwirkungsprofil ergeben könnte. In der Phase-III-Studie "D1AMOND" wurden Sicherheit, Verträglichkeit und Wirksamkeit über einen Zeitraum von bis zu 24 Wochen evaluiert.
Das Studiendesign wich von klassischen Parallelgruppenstudien ab und folgte einem randomisierten Absetzansatz. Zunächst erhielten 216 Teilnehmende (überwiegend Kinder und Jugendliche) über 12 Wochen offen Ecopipam. Die 104 Responder wurden anschließend randomisiert und doppelblind entweder weiter mit Ecopipam behandelt oder auf Placebo umgestellt. Primärer Endpunkt war bei minderjährigen Teilnehmenden die Zeit bis zum Wiederauftreten klinisch relevanter Tic-Symptomatik.
Unter Fortführung von Ecopipam kam es bei 42 % der Patient:innen zu einem Rezidiv, verglichen mit 68 % in der Placebogruppe. Dies entspricht einer signifikanten Risikoreduktion (Hazard Ratio 0,47; 95 %-KI: 0,26–0,84) und spricht für den Erhalt des Therapieeffekts über 24 Wochen. Gleichzeitig zeigte sich ein im Vergleich zu etablierten Antipsychotika günstigeres Nebenwirkungsprofil, weder Gewichtszunahme noch metabolische Veränderungen wurden beobachtet. Zu den häufigsten unerwünschten Ereignissen zählten jedoch Müdigkeit, Angst und Kopfschmerzen (jeweils etwa 10 %).
Die Daten legen nahe, dass unter Ecopipam erzielte klinisch relevante Verbesserungen durch eine Erhaltungstherapie stabilisiert werden können und die Substanz über einen Zeitraum von bis zu 24 Wochen gut verträglich ist. Die Aussagekraft ist jedoch durch mehrere Faktoren eingeschränkt. Die randomisierte Phase umfasste ausschließlich initiale Responder, sodass keine Generalisierung auf alle behandlungsbedürftigen TS-Patient:innen möglich ist. Zudem erlaubt das Absetzdesign primär Aussagen zur Aufrechterhaltung des Effekts, nicht zur initialen Effektstärke im Vergleich zu Placebo oder Standardtherapien.
Ein direkter Vergleich mit etablierten Wirkstoffen steht noch aus und ist für die Einordnung in zukünftige Leitlinien entscheidend. Aktuell ist nicht zu erwarten, dass sich bestehende Empfehlungen kurzfristig grundlegend ändern. Ein Zulassungsantrag bei der US-amerikanischen FDA für die Anwendung bei Kindern und Jugendlichen ist für die zweite Jahreshälfte 2026 angekündigt.