Hausärzt:in 05/2026
Ärzt:in Assistenz 2025

Chronische Nierenerkrankung bleibt häufig unerkannt

Zur Verbesserung der Früherkennung chronischer Nierenerkrankungen wird eine konsequentere Implementierung standardisierter Screeningmaßnahmen gefordert. Denn trotz einfacher Tests werden viele CKD jedoch weiterhin zu spät erkannt.

Der Direktor an der Innsbrucker Universitätsklinik für Nephrologie und Hypertensiologie, Dr. Andreas Kronbichler erklärte kürzlich, rund 14 % der Weltbevölkerung über 20 Jahre sind von einer chronischen Nierenerkrankung (CKD) betroffen, wobei ein erheblicher Anteil der Betroffenen nicht diagnostiziert ist bzw. nichts von der eigenen Erkrankung weiß. CKD zählt damit zu den häufigsten, aber auch am stärksten unterdiagnostizierten chronischen Erkrankungen weltweit. Zudem hat sie eine hohe gesundheitspolitische Relevanz. Sie gehört bereits heute zu den führenden Ursachen für Morbidität und Mortalität und ist eng mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko assoziiert.

Die Diagnosestellung ist grundsätzlich niederschwellig. Persistierende Auffälligkeiten der Nierenfunktion (z. B. reduzierte eGFR) oder des Urins (z. B. Albuminurie) über einen Zeitraum von ≥3 Monaten erfüllen die Kriterien einer CKD. Trotz dieser vergleichsweise einfachen diagnostischen Möglichkeiten bestehen in der Praxis erhebliche Defizite in der Früherkennung.

Aktuelle Fortschritte in Diagnostik und Therapie wurden kürzlich in einer internationalen Lancet-Serie zusammengefasst. Diese betont insbesondere die Diskrepanz zwischen verfügbarer Evidenz und deren Umsetzung in der Versorgung. Als limitierende Faktoren werden vor allem mangelnder Zugang zu Screeningmaßnahmen, unzureichendes Bewusstsein sowie fehlende Standardisierung in der Primärversorgung genannt.

Vor diesem Hintergrund wird empfohlen, das CKD-Screening stärker in bestehende Vorsorgeuntersuchungen zu integrieren. Denn auch in Österreich besteht diesbezüglich Verbesserungspotenzial: Die Harnanalyse wird bislang nicht konsequent im Rahmen von Vorsorgeprogrammen genutzt, und standardisierte Teststrategien sind im niedergelassenen Bereich nicht flächendeckend etabliert.

Ein zentraler Fokus der Lancet-Serie liegt auf geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Versorgung. Frauen sind im Vergleich zu Männern häufiger unterdiagnostiziert, werden seltener getestet und erhalten weniger oft evidenzbasierte Therapien. Dies ist sowohl auf biologische Unterschiede als auch auf strukturelle Faktoren im Gesundheitssystem zurückzuführen.

Die Studienlage weist zudem weiterhin eine deutliche Unterrepräsentation von Frauen auf – teilweise mit Rekrutierungsverhältnissen von etwa 70:30. Dies limitiert die Aussagekraft hinsichtlich geschlechtsspezifischer Therapieeffekte und unterstreicht den Bedarf an gezielterer Rekrutierung sowie systematischen Subgruppenanalysen.

Neben strukturellen Aspekten können auch methodische Faktoren zur Unterdiagnose beitragen. So wird die Albuminurie häufig im Verhältnis zum Kreatinin bewertet, was aufgrund der geringeren Muskelmasse bei Frauen potenziell zu einer Unterschätzung des Risikos führen kann. Solche Aspekte sollten bei der Interpretation von Laborwerten stärker berücksichtigt werden.

Therapeutisch stehen neben modernen pharmakologischen Strategien, deren Weiterentwicklung in den letzten Jahren zu einer deutlichen Verbesserung der Prognose beigetragen hat, auch nicht-pharmakologische Maßnahmen im Vordergrund. Dazu zählen insbesondere eine mediterrane Ernährungsweise, regelmäßige körperliche Aktivität sowie eine Reduktion der Salzaufnahme. Bei bestehender CKD sollte eine sehr proteinreiche Ernährung vermieden werden.

Zu den wichtigsten Risikogruppen zählen ältere Menschen (insbesondere >50 Jahre) sowie Patient:innen mit Diabetes mellitus, arterieller Hypertonie und kardiovaskulären Erkrankungen. Darüber hinaus spielen genetische sowie immunvermittelte Nierenerkrankungen eine Rolle.

Für Österreich wird die Prävalenz derzeit auf etwa 10 % geschätzt. Daten aus regionalen Screening-Programmen, wie einer Studie in Salzburg mit rund 10.000 Teilnehmenden, zeigen Prävalenzen von bis zu 7 %. Diese Zahlen unterstreichen die Relevanz einer systematischeren Früherkennung auch im nationalen Kontext.