Österreichs Allgemeinmediziner und Internisten sehen dringenden Handlungsbedarf, um zeit- und kostenintensive Patientenirrwege im fragmentierten Gesundheitssystem zu reduzieren. Wie Alexander Rosenkranz, Nephrologe von der Grazer Universitätsklinik und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Innere Medizin (ÖGIM) dazu sagt: "Die Freiheit der Arztwahl ist eine Drei-Klassen-Medizin: Kassenmedizin, Zusatzversicherung - und man kennt jemand".
Es ist bekannt, dass Kontinuität und Koordination in der Versorgung sowohl Leid als auch Folgekosten reduzieren. Prävention wirkt – und eine strukturierte, abgestufte Versorgung senkt insbesondere die Inanspruchnahme von Spitalsambulanzen und Notaufnahmen.
In Abstimmung mit dem Gesundheitsministerium haben die Fachgesellschaften der Allgemeinmedizin und der Internisten daher einen ersten gemeinsamen Behandlungspfad entwickelt. Dieser definiert die Zusammenarbeit zwischen Hausarztpraxis bzw. Primärversorgungseinheiten, niedergelassenen Internisten und spezialisierten nephrologischen Ambulanzen bzw. Spitalsabteilungen. Weitere Fachrichtungen sollen folgen.
Kritisch sieht die ÖGAM-Vizepräsidentin Susanne Rabady aktuelle Steuerungsansätze, die stark auf telefonische Erstkontakte wie den 1450-Dienst setzen. Diese seien zwar sinnvoll, wenn keine andere Versorgungsstruktur verfügbar ist, könnten jedoch primär nur Dringlichkeit beurteilen und neigten aus Sicherheitsgründen zu Übersteuerung. Das zentrale Ziel müsse eine kontinuierliche Primärversorgung sein, die langfristige Betreuung, Koordination und ressourcenschonende Medizin ermöglicht.
Ein Beispiel sind Schmerzsymptome im Brustbereich, die Ursache kann in sechs bis sieben verschiedenen medizinischen Fachgebieten liegen. Die Ersteinschätzung – abseits von akut lebensbedrohlichen Herz-Kreislauf-Problemen – erfolgt am besten über die Allgemeinmediziner:in. Dieser könne auch allfällige weitere Schritte einleiten, die Inanspruchnahme von Fachärzt:innen planen und die Betreuung koordinieren.
Die oft erfolgende schnelle "Selbstzuweisung" von potenziellen Patient:innen gleich zu Fachärzt:innen läuft laut der ÖGAM-Spitzenvertreterin in vielen Fällen schief: "Was tut die Fachärzt:in? Er klärt in seinem Fachgebiet ab. Jeder Mensch beim Kardiologen ist ein kardiologischer Patient. Die Patient:innen ordnen sich so selbst zu. Das kann nicht funktionieren. Die Leute gehen damit außerdem an den Ort ihrer größten Angst."
Neben diesen Steuerungsproblemen belasten konstante Zahlen an Allgemeinmediziner:innen, lange Wartezeiten, fragmentierte Zuständigkeiten, Fachkräftemangel und überlastete Spitalsambulanzen das System. Als mögliches Vorbild kann das Hausarztsystem in Baden-Württemberg gesehen werden, in dem sich Kassenpatient:innen bei einer Allgemeinmediziner:in einschreiben, der Behandlung, Zuweisung und Koordination übernimmt und so auch rascheren Zugang zu fachärztlicher Versorgung ermöglicht.