Hausärzt:in 04/2026
Ärzt:in Assistenz 2025

Wie aussagekräftig ist der BMI?

Der BMI dient in der klinischen Praxis häufig als alleinige Grundlage für Therapieentscheidungen bei Übergewicht und Adipositas. Aktuelle Studien zeigen jedoch zunehmend, dass der BMI als alleiniger Maßstab zur Risikobeurteilung unzureichend ist.

Der Body-Mass-Index (BMI) wird weiterhin breit zur Klassifikation von Übergewicht und Adipositas eingesetzt und dient häufig als Grundlage für Therapieentscheidungen, etwa für den Einsatz von Inkretinmimetika. In Österreich sind z. B. Semaglutid und Tirzepatid als Ergänzung zu kalorienreduzierter Ernährung und gesteigerter körperlicher Aktivität zugelassen – bei Erwachsenen mit BMI ≥ 30 kg/m² oder ≥ 27 bis < 30 kg/m² bei Vorliegen mindestens einer gewichtsassoziierten Komorbidität, wie z. B. Hypertonie, Dyslipidämie, obstruktive Schlafapnoe, kardiovaskuläre Erkrankung, Prädiabetes oder Typ‑2‑Diabetes.

Die Aussagekraft des BMI für das individuelle Gesundheitsrisiko ist jedoch begrenzt, da weder Körperzusammensetzung noch Fettverteilung berücksichtigt werden. So können muskulöse Personen fälschlich als adipös eingestuft werden, während Personen mit normalem BMI, aber erhöhtem viszeralem Fett, ein deutlich erhöhtes kardiometabolisches Risiko aufweisen. 1

Daher wird empfohlen, den BMI primär als Screeninginstrument zu nutzen und durch weitere Parameter zu ergänzen. Dazu zählen etwa Taillenumfang oder Taille-zu-Größe-Verhältnis als Marker für abdominale Adipositas sowie klinische Risikofaktoren wie Blutdruck, Glukose- und Lipidwerte. 2,3

Aktuelle Forschungsansätze unterstreichen diese Limitationen. Wissenschaftler:innen entwickelten daher einen auf Metaboliten basierenden "metabolischen BMI" (metBMI), der die zentrale Fettverteilung und Stoffwechselstörungen besser widerspiegeln kann. 4

Darüber hinaus wurde kürzlich das prädiktive Risikomodell "OBSCORE" entwickelt. 5. Mittels Machine Learning wurden Daten von rund 197.000 Personen mit BMI ≥ 27 kg/m² analysiert, ergänzt durch weitere Kohorten, um das 10‑Jahres-Risiko für 18 adipositasassoziierte Erkrankungen zu prognostizieren. Das Modell integriert neben Alter und Geschlecht klinisch gut verfügbare Parameter wie Taille‑zu‑Größe‑Verhältnis, HbA1c, HDL‑Cholesterin, Kreatinin sowie Angaben zu Vorerkrankungen und Lebensstil. Trotz begrenzter Variablenzahl erreichte OBSCORE eine Vorhersagegenauigkeit auf dem Niveau deutlich komplexerer Modelle.

In allen untersuchten Endpunkten verbesserte OBSCORE die Risikostratifizierung gegenüber rein BMI-basierten Ansätzen deutlich. Selbst innerhalb gleicher BMI-Kategorien zeigten sich erhebliche Unterschiede im Erkrankungsrisiko, etwa für Typ‑2‑Diabetes oder kardiovaskuläre Mortalität.

Bekannt ist zudem, dass auch Personen unterhalb der Adipositasgrenze relevante Fettmengen und metabolische Risiken aufweisen können.

Diese Erkenntnisse haben unmittelbare klinische Relevanz: Die derzeit primär BMI-basierte Indikationsstellung für moderne Adipositastherapien könnten durch differenziertere Risikomodelle ergänzt werden, um gezielter jene Patient:innen zu identifizieren, die am meisten von einer Therapie profitieren.