Hausärzt:in 04/2026
Ärzt:in Assistenz 2025

Sekundärprävention nach Myokardinfarkt

In Wien überleben 97 von 100 Patient:innen einen Herzinfarkt. Dennoch besteht in den folgenden zehn Jahren ein signifikant erhöhtes Risiko für erneute kardiovaskuläre Ereignisse. Vor diesem Hintergrund kommt der konsequenten und leitliniengerechten Sekundärprävention eine zentrale Bedeutung zu.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind EU-weit nach wie vor die häufigste Todesursache. Obwohl durch erhebliche Fortschritte in der Medizin, die akute Sterblichkeit in den vergangenen 50 Jahren um rund 90 % gesenkt werden konnte. Umso mehr rückt die (Sekundär-)Prävention in den Fokus. Dies unterstreicht auch der im Dezember 2025 veröffentlichte "Safe Hearts Plan" der EU-Kommission, der Prävention als eine der tragenden Säulen der Herzgesundheit definiert.1 Ziel des EU-Cardiovascular Health Plan ist es, die kardiovaskuläre Gesundheit der Bevölkerung in der EU systematisch zu verbessern. Neben präventiven Maßnahmen stehen dabei insbesondere Früherkennung und eine gerechte Versorgung im Mittelpunkt.

Alexander Niessner, Vorstand der 2. Medizinischen Abteilung mit Kardiologie und internistischer Intensivmedizin in der Klinik Landstraße, weist kürzlich darauf hin, dass insbesondere in der Sekundärprävention noch erheblicher Verbesserungsbedarf besteht.

Bei Patient:innen nach Herzinfarkt umfasst die Sekundärprävention ein breites Spektrum an Maßnahmen: die konsequente Behandlung von Risikofaktoren, eine individuell angepasste medikamentöse Therapie, strukturierte Rehabilitation sowie die Förderung eines gesundheitsfördernden Lebensstils mit regelmäßiger körperlicher Aktivität, ausgewogener Ernährung und Nikotinverzicht. Dabei müssen sowohl das heterogene Risikoprofil als auch die jeweilige Lebenssituation der Betroffenen berücksichtigt werden. Sekundär-Prävention braucht Zeit und individuelle Anpassung.

Aktuelle Studiendaten zeigen zudem, dass bei bestehender kardiovaskulärer Erkrankung eine Senkung des LDL-Cholesterins von durchschnittlich 66 mg/dl auf 56 mg/dl mit einer Reduktion weiterer kardiovaskulärer Ereignisse um etwa ein Drittel einhergeht.2 In den meisten Fällen ist zur Erreichung dieser Zielwerte eine medikamentöse Therapie erforderlich, die jedoch stets durch diätetische Maßnahmen ergänzt werden sollte. 

Die aktuellen Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC/EAS) empfehlen bei Patient:innen mit koronarer Herzerkrankung und hohem kardiovaskulärem Risiko eine konsequente LDL-Cholesterinsenkung auf unter 55 mg/dl, verbunden mit einer Reduktion um mindestens 50 % gegenüber dem Ausgangswert. Daten aus einer aktuellen deutschen Studie zeigen jedoch eine deutliche Versorgungslücke: Lediglich rund 27 % der kardiologisch betreuten Patient:innen erreichen das empfohlene LDL-C-Ziel von <55 mg/dl. In der hausärztlichen Versorgung liegt dieser Anteil sogar nur bei etwa 12 %. Zudem erhält etwa jeder vierte Herzpatient:in (27 %) in der Allgemeinpraxis keine lipidsenkende Therapie.3

Ergänzend sollte die Teilnahme an einer kardiologischer Rehabilitation ausdrücklich empfohlen werden. Sie bietet Patient:innen einen strukturierten Rahmen, um sich intensiv mit ihrer Erkrankung auseinanderzusetzen, offene Fragen zu klären und nachhaltige Lebensstiländerungen umzusetzen. Derzeit nehmen jedoch weniger als 20 % der Herzinfarktpatient:innen eine Reha in Anspruch.