Hausärzt:in 05/2026
Ärzt:in Assistenz 2025

Schützt Apitegromab vor Muskelabbau bei GLP-1/GIP-Therapie?

Eine neue Phase-II-Studie untersuchte, ob der Myostatin-Inhibitor Apitegromab, der ursprünglich gegen spinale Muskelatrophie entwickelt wurde, den Verlust an Muskelmasse bei einer Tirzepatid-Behandlung abschwächen kann. 

GLP-1-Rezeptoragonisten führen bei adipösen Patient:innen zu einer raschen und klinisch relevanten Gewichtsreduktion. Das dual wirkende Inkretin Tirzepatid (GLP-1/GIP-Rezeptoragonist) zählt dabei derzeit zu den effektivsten Substanzen. Allerdings betrifft der Gewichtsverlust nicht ausschließlich die Fettmasse, sondern geht auch mit einem Abbau der fettfreien Masse ("lean mass") einher.

Dieser Muskelmasseverlust ist klinisch relevant. Bei Menschen mit Diabetes kann er die Insulinsensitivität negativ beeinflussen, und bei älteren Patient:innen besteht die Gefahr einer beschleunigten Sarkopenie.

In der Phase-2-Studie EMBRAZE wurde untersucht, ob sich dieser Effekt durch Apitegromab, einen Myostatin-neutralisierenden Antikörper, abschwächen lässt. Myostatin wirkt in Muskelzellen katabol, seine Hemmung führt zu anabolen Effekten und kann die Muskelmasse steigern.

Apitegromab wurde eigentlich für die Behandlung der spinalen Muskelatrophie (SMA) entwickelt und zeigte in der Phase-3-Studie SAPPHIRE1 eine signifikante Verbesserung der motorischen Funktion.

Die EMBRAZE-Studie umfasste aber überwiegend weibliche Teilnehmende (>80 %) mit einem mittleren Alter von 43 Jahren und einem durchschnittlichen BMI von 35 kg/m2. Alle erhielten über 24 Wochen wöchentlich Tirzepatid sowie zusätzlich im 4‑Wochen-Intervall Apitegromab-Infusionen.

Die Gewichtsreduktion war in beiden Gruppen vergleichbar (ca. 11–12 %). Der Verlust an fettfreier Masse unterschied sich jedoch deutlich:

  • Tirzepatid + Apitegromab: −1,6 kg Lean Mass (14,6 % des Gesamtgewichtsverlusts)
  • Tirzepatid allein: −3,5 kg (30,2 %)

Damit reduzierte Apitegromab den Verlust an Lean Mass um etwa 55 %.

Unklar bleibt jedoch die funktionelle Relevanz dieser Ergebnisse. In der relativ jungen Studienpopulation zeigten sich weder Verbesserungen der Muskelkraft noch der funktionellen Leistungsfähigkeit (z. B. Sit-to-Stand-Test). Ob sich bei älteren Patient:innen ein protektiver Effekt hinsichtlich Sarkopenie oder Mobilität ergibt, ist daher derzeit nicht belegt.

Kritisch wird zudem gesehen, dass die erhaltene Lean Mass nicht zwangsläufig mit einem funktionellen Gewinn einhergeht und möglicherweise eher ästhetische Aspekte adressiert.

Ein weiterer Punkt sind neue Real-World-Daten, die auf die hohen Abbruchraten von GLP‑1-basierten Therapien hinweisen (ca. 50 % innerhalb des ersten Jahres). Nach Therapieende kommt es häufig zu einem Rebound-Effekt, bei dem bevorzugt Fettmasse zurückgewonnen wird, während die Muskelmasse weniger zunimmt. Aus endokrinologischer Sicht besteht daher insbesondere bei jüngeren Patient:innen die Sorge, dass ein relativer Muskelmasseverlust langfristig zur Entwicklung einer Insulinresistenz beitragen könnte.

Trotz neuer pharmakologischer Ansätze bleibt die effektivste Strategie zur Gewichtsreduktion bei gleichzeitigem Erhalt der Muskelmasse eine multimodale Therapie. Diese sollte auf einer strukturierten Ernährungstherapie mit ausreichender Proteinzufuhr, Sport und Verhaltenstherapie bestehen.