Eine kanadische Arbeitsgruppe hat 69 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 153.902 Erwachsenen ausgewertet. Untersucht wurde, ob Calcium, Vitamin D oder die Kombination beider Substanzen im Vergleich zu Placebo beziehungsweise keiner Behandlung Frakturen und Stürze verhindern können. Die Teilnehmer:innen erhielten keine Osteoporosemedikation. Die Mehrheit lebte selbstständig zu Hause (87 %) und hatte auch kein erhöhtes Fraktur- oder Sturzrisiko (73 %).
Für den primären Endpunkt "Gesamtfrakturen" zeigte sich unter einer Calcium-Monotherapie kein relevanter Nutzen (RR 0,91; 95-%-KI 0,81-1,01). Auch Vitamin D allein beeinflusste das Frakturrisiko nicht (RR 1,00; 95-%-KI 0,95-1,06). Unter der kombinierten Supplementierung mit Calcium und Vitamin D fand sich lediglich ein geringer Effekt (RR 0,91; 95-%-KI 0,84-0,99).
Die Ergebnisse erwiesen sich in zahlreichen Subgruppen- und Sensitivitätsanalysen als robust. Für Bewohner von Pflegeeinrichtungen und Personen mit hohem Frakturrisiko war die Evidenz jedoch eingeschränkt. Sensitivitätsanalysen deuten zudem darauf hin, dass die beobachteten Effekte maßgeblich von einer einzelnen Hochrisikostudie aus den frühen 1990er-Jahren beeinflusst wurden. In dieser Untersuchung waren hochbetagte Frauen in Pflegeeinrichtungen mit ausgeprägtem Vitamin-D-Mangel und geringer Calciumzufuhr eingeschlossen, sodass die Ergebnisse nur eingeschränkt auf die Allgemeinbevölkerung übertragbar sind.
Zwar war die kombinierte Supplementierung in drei Metaanalysen mit einer statistisch signifikanten Reduktion von Gesamtfrakturen (RR 0,91), Hüftfrakturen (RR 0,84) und nicht vertebralen Frakturen (RR 0,87) assoziiert. Die absoluten Risikoreduktionen blieben jedoch durchweg unter den vorab definierten Schwellenwerten für eine klinische Relevanz.
Die Autor:innen kommen daher zu dem Schluss, dass Calcium-, Vitamin-D- oder kombinierte Supplementierungen in der Allgemeinbevölkerung hinsichtlich der Prävention von Frakturen und Stürzen nur einen geringen bis keinen klinisch relevanten Nutzen aufweisen. In einem begleitenden Editorial wird darauf hingewiesen, dass Maßnahmen wie Kraft- und Gleichgewichtstraining deutlich besser zur Prävention von Stürzen und sturzbedingten Verletzungen belegt sind.
Nicht übertragbar sind die Ergebnisse auf Patient:innen mit nachgewiesenem Vitamin-D-Mangel sowie auf Patient:innen mit Osteoporose unter medikamentöser Therapie. Da Calcium und Vitamin D in den meisten Osteoporosestudien als Begleittherapie eingesetzt werden, bleibt eine Cosupplementierung in diesem Kontext weiterhin indiziert.