Der medizinische Fortschritt hat die Prognose vieler Krebserkrankungen in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Weniger beachtet werden jedoch die psychischen Folgen der Erkrankung. Eine aktuelle Studie der MedUni Wien und des AKH Wien zeigt, dass posttraumatische Belastungssymptome (PTSS) bei Menschen mit Krebs deutlich häufiger auftreten als vielfach angenommen und in der onkologischen Versorgung stärker berücksichtigt werden sollten.
PTSS gelten in der Onkologie als relevantes, aber häufig unterschätztes Gesundheitsproblem. Bisher lagen nur begrenzt Daten zur Prävalenz über unterschiedliche Tumorentitäten hinweg vor. Vor diesem Hintergrund untersuchten Forscher:innen die Häufigkeit einer wahrscheinlichen Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) in einer großen, nicht selektierten ambulanten Krebspopulation.
In die Querschnittsstudie wurden 4.103 erwachsene ambulante Patient:innen mit soliden Tumoren oder hämatologischen Malignomen eingeschlossen. Das Screening erfolgte im Rahmen der Routineversorgung mittels der validierten PTSS-8-Cancer-Skala. Parallel wurden klinische, soziodemografische und psychosoziale Daten erhoben. Das Ergebnis: 32,5 % der Teilnehmer:innen erfüllten die Kriterien für ein positives Screening auf eine wahrscheinliche PTBS. Damit zeigte nahezu jede dritte befragte Person klinisch relevante posttraumatische Belastungssymptome.
Die höchste Prävalenz fand sich bei Patientinnen mit Mammakarzinom (39,7 %), gefolgt von gynäkologischen Malignomen (37,2 %) sowie Kopf-Hals-Tumoren (36,1 %). Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die psychische Belastung nicht auf einzelne Krebsarten beschränkt ist, bei bestimmten Diagnosen jedoch besonders ausgeprägt sein kann.
Ein positives PTBS-Screening trat häufiger bei Frauen, jüngeren Patient:innen, Personen mit niedrigerem Einkommen, ohne Partnerschaft sowie bei Menschen mit psychiatrischen Vorerkrankungen auf. Sämtliche Zusammenhänge waren statistisch signifikant.
Bemerkenswert ist jedoch, dass die Effektstärken insgesamt gering ausfielen. Aus Sicht der Autor:innen spricht dies gegen die Fokussierung auf einzelne Risikogruppen. Vielmehr scheinen relevante Belastungssymptome breit über die gesamte onkologische Population verteilt zu sein. Allein anhand soziodemografischer Merkmale lässt sich daher nur eingeschränkt vorhersagen, welche Patient:innen psychosoziale Unterstützung benötigen.
Die Autor:innen sprechen sich für ein routinemäßiges psychosoziales Screening aller onkologischen Patientinnen und Patienten aus, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Tumorentität. Zudem sollte die onkologische Versorgung verstärkt traumasensible Konzepte integrieren. Angesichts von rund 400.000 Menschen mit Krebsdiagnose in Österreich unterstreichen die Daten, dass moderne Krebsmedizin neben der Tumorbehandlung auch die psychische Gesundheit systematisch berücksichtigen muss.