Hausärzt:in 7-8/2026
Ärzt:in Assistenz 2026

Präventionslücke: Gesundheitsfachkräfte vernachlässigen eigene Herzgesundheit

Gesundheitsfachkräfte weisen zwar ein günstigeres kardiovaskuläres Risikoprofil auf als die Allgemeinbevölkerung. Eine aktuelle Studie zeigt jedoch Defizite bei der Erkennung eigener Risikofaktoren und der Umsetzung leitliniengerechter Präventionsmaßnahmen.

Eine auf dem ESC-Kongress 2026 vorgestellte Studie deutet darauf hin, dass Gesundheitsfachkräfte Defizite bei der Erkennung und Behandlung eigener kardiovaskulärer Risikofaktoren aufweisen. Kardiovaskuläre Erkrankungen sind weltweit die häufigste Todesursache. Mehr als die Hälfte der Krankheitslast geht auf beeinflussbare Faktoren wie Hypercholesterinämie, Hypertonie, Diabetes, Übergewicht und Rauchen zurück. Während Gesundheitsfachkräfte diese Risiken bei ihren Patient:innen routinemäßig adressieren, ist über ihr eigenes Präventionsverhalten bislang wenig bekannt.

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass Gesundheitsfachkräfte nicht vor denselben Hürden geschützt sind, die die kardiovaskuläre Prävention in der Allgemeinbevölkerung erschweren", sagte Erstautor Florian A. Wenzl. 

In die Untersuchung wurden mehr als 1.300 Teilnehmer:innen des ESC-Kongresses 2025 eingeschlossen. Neben Blutdruckmessungen und Laboranalysen erfolgte bei einer Untergruppe eine Karotis-Sonografie. Die Ergebnisse wurden mit einer alters- und geschlechtsgematchten Vergleichsgruppe aus der Allgemeinbevölkerung abgeglichen. Der häufigste modifizierbare Risikofaktor war Übergewicht (46,8 %), gefolgt von Hypertonie (23,2 %) und Hyperlipidämie (22,7 %). Eine manifeste atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankung (ASCVD) lag bei 11,1 % der Gesundheitsfachkräfte vor. Bei Personen ohne bekannte ASCVD wurde bei 21,8 % eine subklinische Atherosklerose nachgewiesen.

Trotz ihrer medizinischen Expertise erkannten Gesundheitsfachkräfte eigene Risikofaktoren nicht häufiger als Personen aus der Allgemeinbevölkerung. Nicht erkannte Hyperlipidämien (7,5 % vs. 8,4 %), Hypertonien (11,9 % vs. 13,9 %) und Diabeteserkrankungen (0,4 % vs. 0,4 %) traten in beiden Gruppen ähnlich häufig auf. Lediglich das Bewusstsein für eine Hyperlipidämie war bei Gesundheitsfachkräften höher als in der Allgemeinbevölkerung (62,2 % vs. 54,9 %).

Auch bei der Umsetzung leitliniengerechter Präventionsmaßnahmen zeigten sich Versorgungslücken. Von den Personen mit Indikation für eine antihypertensive Therapie zur Primärprävention erhielten lediglich 27,6 % eine Behandlung, verglichen mit 46,5 % in der Allgemeinbevölkerung. Antidiabetische Medikamente wurden von 60,0 % der anspruchsberechtigten Gesundheitsfachkräfte eingenommen, gegenüber 85,0 % in der Vergleichsgruppe. Gleichzeitig erreichten behandelte Gesundheitsfachkräfte die empfohlenen Zielwerte häufiger als Personen aus der Allgemeinbevölkerung. So wurde der LDL-Cholesterin-Zielwert in der Primärprävention bei 57,5 % versus 32,0 % erreicht, der systolische Blutdruck-Zielwert bei 47,5 % versus 24,6 %.

"Diese Ergebnisse zeigen, dass die Behandlung gut funktioniert, sobald Gesundheitsfachkräfte sie in Anspruch nehmen", sagte Wenzl. "Das eigentliche Problem liegt früher im Versorgungsweg: nämlich darin, ob eine leitliniengerechte Therapie überhaupt begonnen und dauerhaft fortgeführt wird."

Aber in der Sekundärprävention bestanden deutliche Versorgungslücken. Von den Gesundheitsfachkräften mit bestehender ASCVD erhielten 41,4 % eine lipidsenkende Therapie und lediglich 9,2 % eine Thrombozytenaggregationshemmung trotz entsprechender Leitlinienempfehlung. Von den mit Lipidsenkern behandelten Personen erreichten nur 22,2 % den empfohlenen LDL-Cholesterin-Zielwert.

Nach Einschätzung der Autor:innen sprechen die Ergebnisse für strukturierte Programme zur kardiovaskulären Prävention bei Gesundheitsfachkräften. "Selbst Menschen, die beruflich Herz-Kreislauf-Erkrankungen behandeln, erhalten oder suchen für sich selbst häufig nicht denselben Standard präventiver Versorgung. Das ist kein Wissensdefizit, sondern ein Umsetzungsproblem und weist auf systemische Barrieren hin, die mehr Aufmerksamkeit verdienen", erklärte ESC-Präsident Thomas F. Lüscher.