Frühere Untersuchungen hatten bereits auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Herpes Zoster-Impfungen und einem geringeren Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen oder Demenz hingewiesen. Da diese Studien Geimpfte mit Ungeimpften verglichen, besteht jedoch die Gefahr eines Healthy-Vaccinee-Bias. Personen, die Impfangebote wahrnehmen, unterscheiden sich häufig hinsichtlich Gesundheitszustand und Gesundheitsverhalten von ungeimpften Personen.
Um diesen möglichen Verzerrungen zu begegnen, nutzten die Forscher:innen die rasche Umstellung in den USA vom Lebendimpfstoff auf den ab Oktober 2017 verfügbaren rekombinanten Herpes Zoster-Impfstoff als natürliches Experiment. Verglichen wurden jeweils 36.460 Personen, die vor beziehungsweise nach diesem Wechsel gegen Herpes Zoster geimpft worden waren. Vor der Umstellung hatten 98,6 % der Teilnehmer:innen den Lebendimpfstoff erhalten, danach 93,5 % den rekombinanten Impfstoff. Mithilfe eines Propensity-Score-Matchings wurden beide Gruppen hinsichtlich demografischer Merkmale, Komorbiditäten und Medikation angeglichen.
Der primäre Endpunkt umfasste ischämische Herzkrankheit, Herzinsuffizienz und ischämischen Schlaganfall. Über sieben Jahre verbrachten die überwiegend mit dem rekombinanten Impfstoff Geimpften mehr Zeit ohne eines dieser Ereignisse (Restricted Mean Time Lost [RMTL]-Ratio 0,91). Dies entsprach einer um 9 % geringeren kardiovaskulären Krankheitslast.
Auch für einzelne Endpunkte zeigten sich Unterschiede zugunsten des rekombinanten Impfstoffs. Die Krankheitslast durch ischämische Herzkrankheit war um 10 %, jene durch Herzinsuffizienz um 12 % geringer. Diese Assoziationen bestanden sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Bei Männern zeigte sich zusätzlich eine um 12 % geringere Krankheitslast durch ischämische Schlaganfälle. Darüber hinaus trat Vorhofflimmern in der Gruppe mit rekombinantem Impfstoff seltener auf, die Krankheitslast war um 7 % reduziert. Für Myokarditis, periphere arterielle Verschlusskrankheit, transitorische ischämische Attacken und hämorrhagische Schlaganfälle ergaben sich keine signifikanten Unterschiede.
Bei der Interpretation der Ergebnisse ist jedoch Vorsicht geboten. Das Studiendesign basiert auf der Annahme, dass der Lebendimpfstoff selbst keinen kardiovaskulär protektiven Effekt besitzt. Diese Annahme stützt sich auf frühere Untersuchungen, in denen der Lebendimpfstoff gegenüber keiner Impfung nicht mit einem geringeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Schlaganfälle assoziiert war. Andere Daten weisen allerdings darauf hin, dass auch der Lebendimpfstoff möglicherweise kardiovaskuläre Vorteile bieten könnte. So war in einer südkoreanischen Kohortenstudie mit mehr als 1,2 Millionen Personen ab 50 Jahren eine Impfung mit dem Lebendimpfstoff gegenüber keiner Impfung mit einem um 23 % geringeren Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse assoziiert. Ein Healthy-Vaccinee-Bias konnte dort jedoch nicht sicher ausgeschlossen werden.
Ein kausaler kardiovaskulärer Schutzeffekt des rekombinanten Herpes Zoster-Impfstoffs lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht ableiten. Trotz des natürlichen Experiments handelt es sich weiterhin um Beobachtungsdaten, sodass residuale Störfaktoren die beobachteten Unterschiede zumindest teilweise erklären könnten. Randomisierte Studien wären erforderlich, um zu klären, ob der rekombinante Impfstoff gegenüber dem Lebendimpfstoff tatsächlich einen zusätzlichen kardiovaskulären Nutzen bietet.