Menschen mit Blutkrebserkrankungen haben durch die Krankheit selbst und auch die Therapie ein geschwächtes Immunsystem, was zu einer erhöhten Infektanfälligkeit führt. Viele Infektionen, die gesunde Menschen als banal erleben, verlaufen bei dieser Gruppe gefährlicher. Eine Influenza-Infektion verläuft zum Beispiel in 10 % der Fälle tödlich, außerdem scheiden diese Menschen das Virus länger aus.
In einer überarbeiteten Leitlinie fassen Expert:innen jetzt die Erkenntnisse der vergangenen zehn Jahre über alle Viren zusammen, die Atemwegsinfekte verursachen: Wie gefährlich sind sie im Einzelnen? Wie werden sie diagnostiziert? Sind Hygienemaßnahmen erforderlich? Welche Therapie- und Impfstrategien gibt es? Für die Überarbeitung der Leitlinie analysierte das Team aktuelle Fachliteratur aus den Jahren 2014 bis 2024. Eingeflossen sind Publikationen zu Adenovirus, Bocavirus, Coronavirus, Influenzavirus, Metapneumovirus, Parainfluenzavirus, Respiratory Syncytial Virus (RSV) und Rhinovirus bei Patient:innen mit hämatologischen Malignomen und/oder hämatopoetischer Zelltransplantation.
Zum Beispiel werden zur Vorbeugung für Influenzaviren, saisonale inaktivierte Impfstoffe und frühzeitige antivirale Therapien empfohlen, während eine generelle antivirale Prophylaxe nicht befürwortet wird. Für das RSV können zugelassene Impfstoffe je nach lokaler Zulassung in Betracht gezogen werden, auch wenn die Evidenzlage bei Blutkrebs-Patient:innen begrenzt ist. Eine passive Immunisierung mit Palivizumab oder Nirsevimab wird für Kinder unter zwei Jahren empfohlen, jedoch gibt es unzureichende Daten zur prä- oder postexpositionellen Prophylaxe oder Behandlung älterer Kinder oder erwachsener Patient:innen. Bei Patient:innen, die nach einer Stammzelltransplantation ein ausgeprägtes Immundefizit haben, empfiehlt die Leitlinie die Gabe des Wirkstoffs Ribavirin und/oder intravenöse Immunglobuline. Für andere Atemwegsinfekte stehen lediglich unterstützende Maßnahmen zur Verfügung, die die Immunfunktion verbessern und den Antikörpermangel korrigieren. Dazu gehört auch, die Gabe von kortisonhaltigen Medikamenten möglichst zu reduzieren.
Diese Empfehlungen sind für alle relevant, die Menschen mit Blutkrebs behandeln. Da virale Atemwegsinfektionen oft aus der Umwelt kommen, ist dies nicht nur für spezialisierte Kliniken wichtig, sondern auch für Ambulanzen und hausärztlichen Praxen.