Hausärzt:in 10/2026
Ärzt:in Assistenz 2026

Geschlechterunterschiede prägen die medizinische Versorgung

Ob Kardiologie, Chirurgie oder Notfallmedizin: Frauen erhalten häufig andere Behandlungen als Männer. Eine Analyse von 41 Studien zeigt konsistente geschlechtsspezifische Unterschiede in der Patientenversorgung.

Frauen und Männer werden im Gesundheitswesen häufig unterschiedlich behandelt. Darauf weist ein aktuelles Scoping Review hin, das 41 zwischen 2018 und 2023 veröffentlichte Studien auswertete. Besonders auffällig: Frauen erhielten im Vergleich zu Männern mit ähnlichen klinischen Merkmalen seltener invasive Therapien. Auch bei konservativen Behandlungsstrategien zeigte sich, dass Patientinnen häufiger von einer leitliniengerechten medikamentösen Therapie abwichen als männliche Patienten.

Ziel der Analyse war es, aktuelle Evidenz zu geschlechts- und genderbezogenen Unterschieden in der medizinischen Versorgung zusammenzufassen und Bereiche zu identifizieren, in denen solche Unterschiede besonders häufig auftreten.

Von ursprünglich 1.112 identifizierten Publikationen erfüllten 41 Studien die Einschlusskriterien. Die Mehrheit der Arbeiten stammte aus den USA (n = 26), weitere aus Europa, Kanada, China, Chile und Israel. Bei den meisten Untersuchungen handelte es sich um retrospektive Fallserien (n = 38). Am häufigsten wurden Fragestellungen aus der Kardiologie untersucht (n = 15). Darüber hinaus waren unter anderem Neurologie, Nephrologie, Chirurgie, Notfallmedizin, Transplantationsmedizin, Endokrinologie, Psychiatrie und Anästhesie vertreten.

Insgesamt zeigten 33 der 38 retrospektiven Fallserien statistisch signifikante Unterschiede in der Behandlung von Frauen und Männern. Von den 29 Studien mit multivariater Analyse bestätigten 25 diese Unterschiede auch nach Anpassung an potenzielle Störfaktoren. Bemerkenswert sei laut den Autor:innen die Konsistenz der Ergebnisse über verschiedene Fachrichtungen hinweg. Ähnliche Muster fanden sich in der Kardiologie, Chirurgie, Transplantations- und Notfallmedizin.

Ein wiederkehrendes Ergebnis der ausgewerteten Studien war, dass Frauen im Vergleich zu Männern mit vergleichbaren klinischen Voraussetzungen seltener invasive Behandlungen erhielten. Wurden Patientinnen konservativ behandelt, war zudem die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sie eine optimale medikamentöse Therapie erhielten.

Ob diese Unterschiede auf angemessenen klinischen Erwägungen beruhen oder Ausdruck systemischer Ungleichheiten sind, lässt sich anhand der verfügbaren Evidenz jedoch nicht eindeutig beantworten. Die Autor:innen betonen, dass die eingeschlossenen Studien zwar Unterschiede dokumentieren, daraus aber nicht unmittelbar auf eine Benachteiligung geschlossen werden könne.

Ein weiteres Ergebnis des Reviews betrifft die Datenlage zu Gender-Unterschieden. Keine der eingeschlossenen Studien enthielt ausreichende Informationen, um Unterschiede anhand der Gender-Identität zu analysieren. Die Autor:innen führen dies darauf zurück, dass die meisten Untersuchungen auf elektronischen Gesundheitsdaten basierten, in denen in der Regel das amtlich erfasste Geschlecht dokumentiert wird, nicht jedoch Gender-Aspekte.

Warum die Unterschiede bestehen, bleibt unklar. Eine mögliche Erklärung sehen die Autor:innen darin, dass Frauen über viele Jahre in klinischen Studien unterrepräsentiert waren. Dadurch könnten Leitlinien teilweise auf Evidenz basieren, die überwiegend bei männlichen Studienteilnehmern erhoben wurde.

Auffällig war zudem, dass nur wenige der eingeschlossenen Studien auf Leitlinien verwiesen, die ausdrücklich geschlechtsspezifische Behandlungsstrategien empfehlen. Ebenso könnten Unterschiede beim Zugang zu medizinischen Leistungen oder unterschiedliche Präferenzen von Patientinnen und Patienten eine Rolle spielen.

Die Autor:innen weisen auf mehrere Limitationen hin. Dazu zählen die überwiegend retrospektiven Studiendesigns, unvollständige Routinedaten sowie häufig fehlende Anpassungen an Einflussfaktoren wie ethnische Herkunft, Komorbiditäten oder den sozioökonomischen Status. Zudem stammte ein Großteil der Evidenz aus den USA. Nach Ansicht der Forschenden besteht insbesondere ein erheblicher Mangel an Studien, die Gender-Aspekte systematisch erfassen. Künftige Untersuchungen sollten daher Gleichstellungsaspekte und intersektionale Analysen stärker berücksichtigen und verschiedene Gesundheitssysteme einbeziehen.