Hausärzt:in 7-8/2026
Ärzt:in Assistenz 2026

Erste Leitlinie zur personalisierten Phagentherapie veröffentlicht

Die neue S2k-Leitlinie zur personalisierten Bakteriophagen-Therapie schafft erstmals einen international abgestimmten Rahmen für den klinischen Einsatz von Phagen. Mehr als 60 Empfehlungen definieren Qualitätsstandards, Abläufe und Voraussetzungen für eine sichere Anwendung bei schwer behandelbaren bakteriellen Infektionen.

Mit der neuen S2k-Leitlinie zur personalisierten Bakteriophagen-Therapie liegt erstmals ein international abgestimmter Rahmen für die klinische Anwendung vor. Bisher fehlten einheitliche Empfehlungen für zentrale Behandlungsschritte sowie Qualitätsstandards für den therapeutischen Einsatz von Phagen. Die Leitlinie wurde parallel als Consensus Statement in Nature Medicine veröffentlicht.

Bakteriophagen sind Viren, die Bakterien gezielt infizieren und lysieren. Aufgrund ihrer hohen Spezifität muss vor jeder Behandlung geprüft werden, ob ein geeigneter Phage gegen den individuellen Erreger wirksam ist. Eine personalisierte Phagentherapie kann insbesondere bei schwer behandelbaren bakteriellen Infektionen in Betracht gezogen werden, wenn etablierte Therapien versagen, nicht verfügbar oder nicht geeignet sind, etwa bei ausgeprägter Biofilmbildung oder Antibiotikaresistenzen.

Die Leitlinie umfasst mehr als 60 praxisorientierte Empfehlungen zu Auswahl und Testung geeigneter Phagen, Herstellung und Qualitätskontrolle, klinischer Anwendung, Monitoring, Dokumentation sowie zukünftigen Forschungsfragen. Trotz eines bislang günstigen Sicherheitsprofils, sofern qualitativ hochwertige Präparate verwendet werden, ist die Wirksamkeit der Phagentherapie noch nicht ausreichend durch kontrollierte klinische Studien belegt. Die Leitlinie versteht sie daher als individuell zu prüfende Therapieoption und nicht als Standardtherapie.

Zentrales Element ist das sogenannte Phagenmatching. Für jeden Behandlungsfall soll anhand aktueller mikrobiologischer Untersuchungen geprüft werden, ob der ausgewählte Phage gegen den konkreten Bakterienstamm wirksam ist. Da sich die Empfindlichkeit von Erregern im Verlauf einer Infektion verändern kann, sollte diese Testung möglichst zeitnah vor Therapiebeginn erfolgen. Bei polymikrobiellen Infektionen sind alle relevanten Erreger zu berücksichtigen.

Die Leitlinie empfiehlt eine interdisziplinäre Beurteilung jedes Falls unter Einbindung der behandelnden Fachdisziplinen, der klinischen Mikrobiologie und ausgewiesener Phagenexpert:innen. Darüber hinaus werden die Anforderungen an die Zusammenarbeit zwischen Mikrobiologie, Phagenherstellung, Apotheken und klinischen Teams definiert. Einheitliche Prüfverfahren und regelmäßige Ringversuche sollen die Qualität und Vergleichbarkeit der Ergebnisse sicherstellen.

Als Mindestvoraussetzungen für eine leitliniengerechte Anwendung werden ein strukturiertes klinisches, laborchemisches und mikrobiologisches Monitoring, die Verwendung pharmazeutisch hochwertiger Phagenpräparate sowie die verpflichtende Dokumentation der Behandlungsfälle in Registern genannt. Ziel ist es, Erfahrungen aus der klinischen Anwendung systematisch auszuwerten und die Evidenzbasis zu stärken.

Die Applikationsform richtet sich nach dem Infektionsort. Beschrieben werden unter anderem inhalative, intravenöse, intraläsionale, intraoperative topische sowie lokale Anwendungen, etwa in Form steriler Hydrogele zur Wundbehandlung.

Aus Sicht der Autor:innen schafft die Leitlinie dringend benötigte Orientierung für Behandelnde, Apotheken und Behörden. Dies sei auch deshalb relevant, weil sich zunehmend Patient:innen mit schwer behandelbaren Infektionen nach einer Phagentherapie erkundigen, zugleich jedoch Unsicherheiten hinsichtlich der regulatorischen Rahmenbedingungen und der verfügbaren Evidenz bestehen. Zudem beschaffen sich Betroffene teilweise Phagenpräparate unklarer Qualität über das Internet oder suchen Behandlungsangebote im Ausland auf.

Beobachtungsdaten liefern zwar erste Hinweise auf mögliche Behandlungserfolge, ersetzen jedoch keine kontrollierten Studien. So zeigte eine belgische Fallserie mit 100 behandelten Patient:innen eine klinische Verbesserung bei rund 70 bis 77 % der Fälle. Die Autor:innen betonen daher die Notwendigkeit einer realistischen Aufklärung. Die Phagentherapie stellt eine vielversprechende Ergänzung des therapeutischen Spektrums dar, ist jedoch keine universell wirksame Lösung für bakterielle Infektionen.