Hausärzt:in 10/2026
Ärzt:in Assistenz 2026

Anorexie und Bulimie: Österreich unter den am stärksten betroffenen Staaten

Anorexie und Bulimie zählen zu den wichtigsten Ursachen psychischer Krankheitslast. Neue Daten zeigen eine deutliche Zunahme der Prävalenz weltweit, wobei Österreich zu den am stärksten betroffenen Ländern gehört.

Die Zahl der Menschen mit Essstörungen nimmt weltweit weiter zu. Nach aktuellen Berechnungen der Global Burden of Disease (GBD)-Studie lebten im Jahr 2023 rund 18,1 Millionen Menschen mit Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa. Damit zählen diese Erkrankungen zu den bedeutendsten Ursachen nicht tödlicher psychischer Krankheitslast weltweit.

Die Analyse basiert auf Daten aus 204 Ländern und Territorien und wurde von einem internationalen Forschungskonsortium erstellt, an dem auch Brendon Stubbs von der MedUni Wien beteiligt war. Ziel war es, die globale Verbreitung von Anorexia nervosa und Bulimia nervosa, die dadurch verursachte Krankheitslast sowie zukünftige Entwicklungen bis zum Jahr 2050 abzuschätzen.

Die Ergebnisse verdeutlichen die erhebliche gesundheitliche Relevanz dieser Erkrankungen. Von den weltweit Betroffenen waren 12,6 Millionen Frauen (69,4 %) und 5,5 Millionen Männer (30,6 %). Die Daten zeigen damit, dass Essstörungen zwar deutlich häufiger bei Frauen auftreten, jedoch auch ein relevanter Anteil männliche Patienten betreffen. Besonders auffällig ist die Altersverteilung: Mehr als 40 % der Erkrankten waren zwischen 10 und 24 Jahre alt. Insgesamt gingen die beiden Essstörungen im Jahr 2023 mit 3,83 Millionen behinderungsadjustierten Lebensjahren (DALYs) einher und verursachten damit eine beträchtliche Einschränkung von Lebensqualität und Gesundheit.

Auch die langfristige Entwicklung gibt Anlass zur Sorge. Seit 1990 ist die Zahl der Betroffenen weltweit um 71 % gestiegen. Gleichzeitig nahmen die altersstandardisierten Prävalenz- und DALY-Raten um rund 21 % zu. Die höchsten Prävalenzraten wurden in Ländern mit hohem Einkommen beobachtet, insbesondere in Australasien und Westeuropa. Die stärksten relativen Anstiege der altersstandardisierten Prävalenz verzeichneten dagegen Ostasien, Südasien und Südostasien, was auf eine zunehmende globale Verbreitung der Erkrankungen hindeutet.

Österreich gehört laut den Analysen zu den Ländern mit der höchsten Krankheitslast. Gemeinsam mit Staaten wie Großbritannien, Frankreich, Spanien, den skandinavischen Ländern und Australien weist Österreich besonders hohe altersstandardisierte Prävalenzraten auf. In diesen Ländern leben mehr als 493 Betroffene pro 100.000 Einwohner mit Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa. Deutschland, Italien, Griechenland und Kanada liegen etwas darunter.

Für die kommenden Jahrzehnte rechnen die Forscher:innen mit einer weiteren Zunahme. Bis 2050 dürfte die Zahl der weltweit Betroffenen auf 21,8 Millionen ansteigen. Dies entspräche einer altersstandardisierten Prävalenz von 255,2 Fällen pro 100.000 Einwohner. Insgesamt erwarten die Autor:innen zwischen 2023 und 2050 einen Anstieg der Fallzahlen um weitere 20 %. Dabei werden für 2050 etwa 4,7 Millionen Fälle von Anorexia nervosa und rund 17 Millionen Fälle von Bulimia nervosa prognostiziert.

Aus Sicht der Autor:innen unterstreichen die Ergebnisse die Notwendigkeit, Essstörungen stärker in die psychische Gesundheitsversorgung, Prävention, epidemiologische Überwachung und Versorgungsplanung zu integrieren. Angesichts der hohen Krankheitslast, der besonderen Betroffenheit junger Menschen und der prognostizierten weiteren Zunahme gewinnen eine frühzeitige Diagnostik, ein rascher Zugang zu spezialisierten Behandlungsangeboten und niedrigschwellige Versorgungsstrukturen zunehmend an Bedeutung.

Eine Übersicht zu häufigen Fragen von Betroffenen und Angehörigen finden Sie hier.