Hausärzt:in 10/2026
Ärzt:in Assistenz 2026

Schlafstörungen verstärken chronischen Schmerz

Aktuelle Forschungen legen nahe, dass Schlafstörungen das Schmerzempfinden direkt beeinflussen, indem sie die körpereigene Schmerzhemmung beeinträchtigen. Darüber berichteten Fachleute kürzlich im Rahmen des Deutschen Schmerzkongresses. Leidet man an chronischen Schmerzen und Schlaflosigkeit, gerät man rasch in einen Teufelskreis: Die Schmerzen verhindern das Einschlafen, die Schlaflosigkeit verstärkt die Schmerzen.

Laut Umfragen haben Schlafstörungen bei allen Bevölkerungsgruppen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Betroffen sind insbesondere Menschen mit chronischen Schmerzen: Etwa drei von vier geben an, unter Schlafstörungen zu leiden. "Wer unter körperlichen Schmerzen leidet, findet nachts oft keine bequeme Schlafposition oder ist durch schmerzbedingtes Schonverhalten tagsüber nicht ausreichend müde in der Nacht", erläutert Anke Diezemann-Prößdorf, leitende Psychotherapeutin am Deutschen Schmerz-Zentrum Mainz. Eine Übersicht von Langzeitstudien mit mehr als 60.000 Proband:innen zeigt gleichzeitig: Verschlechtert sich der Schlaf, steigt wiederum das Risiko für später auftretende Schmerzerkrankungen.

Verhindert der Schmerz das Einschlafen, führt das zu einem Gefühl von Hilflosigkeit und Sorge, was das Einschlafen erst recht erschwert. Dadurch erfährt die Schlaflosigkeit noch mehr Aufmerksamkeit und wird zum Stressor, was wiederum die körperlichen Schmerzen weiter verschlechtert. "Tatsächlich zeigen Studien, dass bei Schlafproblemen die psychologischen Faktoren den entscheidenden Einfluss haben: Kognitive Erregung wie Grübeln und Anspannung sowie die Stimmung vor dem Einschlafen sagten den anschließenden Schlaf besser voraus als die körperlichen Schmerzen", erklärt Diezemann-Prößdorf. Neben psychologischen Faktoren gibt es offenbar auch komplexe neurobiologische Zusammenhänge zwischen Schmerz und Schlaf, die intensiv erforscht werden. "Obwohl Schmerz den Schlaf beeinträchtigen kann, weisen aktuelle Befunde eher darauf hin, dass Schlafstörungen vor allem die Schmerzverarbeitung negativ beeinflussen", informiert die Expertin. Schlafmangel und Schlafentzug können eine empfindlichere Reaktion auf Schmerzreize zur Folge haben.

Auch Stressregulation und Entzündungsprozesse können sich verändern. So zeigen Untersuchungen am Menschen nach Schlafmangel unter anderem leicht erhöhte Werte des Stresshormons Cortisol und stärkere Cortisolreaktionen auf Belastungen. Noch nicht vollständig geklärt ist, wie diese Mechanismen zusammenspielen und zur Entstehung oder Verstärkung chronischer Schmerzen beitragen.

"Grundsätzlich gilt: Bei anhaltenden Schmerzen und Schlaflosigkeit sollten mögliche Ursachen und Begleiterkrankungen ärztlich abgeklärt werden. Begleiterkrankungen wie Schlafapnoe, Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen benötigen eine gezielte Behandlung", so Diezemann-Prößdorf. "Ansonsten ist bei chronischer Insomnie die kognitive Verhaltenstherapie die erste Wahl, auch bei Menschen mit chronischen Schmerzsyndromen." Die sogenannte Stimuluskontrolle kann hierbei ein wichtiger Therapiebaustein sein: Betroffene lernen erst ins Bett zu gehen, wenn sie schläfrig sind, und dort nicht zu lesen oder zu arbeiten. Eine gezielte Begrenzung der Bettzeit kann ebenfalls helfen.