Kurt Widhalm, Präsident des Österreichischen Akademischen Institutes für Ernährungsmedizin und Referent für Ernährungsmedizin in der Österreichischen Ärztekammer erklärt, dass Adipositas eine chronische Stoffwechselerkrankung ist, die von verschiedensten Faktoren, wie Lebensstil, kalorienreiche Ernährung, zu wenig Bewegung, Schlafmangel, Stress, Depressionen und auch stark von einer genetischen Veranlagung abhängt. Die häufigste Form ist die polygene Adipositas. Menschen mit genetischer Prädisposition haben es deutlich schwerer ihr Gewicht zu halten, weil bei ihnen die Energie- und Appetitregulation nicht richtig funktioniert. Dennoch wird Adipositas nicht als Krankheit, sondern häufig als Folge von Schwäche und Disziplinlosigkeit gesehen, dies führt zu Stigmatisierung und Diskriminierung.
Der Experte betont: "Um Therapieerfolge zu verbessern, muss die Krankheit als solche anerkannt und der Zugang zu Medikamenten erleichtert werden. Auch in Prävention muss mehr investiert werden."
Die Behandlung von Adipositas sollte daher interdisziplinär erfolgen und auch darauf abzielen, gesunde Ernährung und Bewegung langfristig zu einem fixen Bestandteil des Lebens zu machen. Eine wachsende Bedeutung in der Therapie kommt auch der medikamentösen Behandlung und hier insbesondere den sogenannten GLP-1-Agonisten zu. Diese haben nicht nur einen positiven Einfluss auf das Gewicht, sondern auch auf den Blutzucker und die Fettleber.
Da Adipositas häufig schon im Kindesalter vorkommt, sollte in Zukunft verstärkt auf Prävention gesetzt werden, insbesondere in Schulen.
Adipositas hat auch einen großen Einfluss auf reproduktionsmedizinische Themen, denn Übergewicht wirkt sich direkt auf den Hormonhaushalt aus. Studien zeigen, dass bei übergewichtigen Frauen häufiger Zyklusstörungen, ausbleibende Eisprünge und das polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) auftreten. Auch die Erfolgschance bei Kinderwunschbehandlungen reduziert sich. In der Schwangerschaft steigt zudem das Risiko für Bluthochdruck und schwangerschaftsbedingte Hochdruckerkrankungen wie Präeklampsie, mit potenziell schwerwiegenden Folgen. Frauen, die in der Schwangerschaft Bluthochdruck oder einen Gestationsdiabetes entwickeln, haben auch später ein deutlich erhöhtes Risiko für chronische Hypertonie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes.
Bereits im Mutterleib werden Weichen für den späteren Stoffwechsel des Kindes gestellt: Ein verändertes intrauterines Milieu, zum Beispiel durch Übergewicht, Schwangerschaftsdiabetes oder metabolische Belastungen, kann die Entwicklung von Organ- und Stoffwechselsystemen beeinflussen und so das Risiko für Übergewicht und metabolische Erkrankungen im späteren Leben erhöhen.
Daher ist eine stärkere interdisziplinäre Versorgung maßgeblich und strukturierte Beratungsangebote zur Gewichtsreduktion vor einer Schwangerschaft, eine engmaschige Betreuung während der Schwangerschaft und eine konsequente kardiovaskuläre Nachsorge nach der Geburt sollten vermehrt durchgeführt werden.