Randomisierte kontrollierte Studien – allen voran die ERSPC – zeigen eine Reduktion der prostatakarzinomspezifischen Mortalität von rund 20 % (Intention-to-treat), in langfristiger, adhärenzkorrigierter Nachbeobachtung bis zu 51 %, durch systematische PSA-Testung. Das ist einer der größten Erfolge der modernen Onkologie in der Präventivmedizin.
Doch dieser Erfolg hat einen Preis. Die Überdiagnoserate liegt bei 20–30 %: Karzinome, die klinisch nie relevant geworden wären, werden entdeckt, biopsiert und therapiert – mit Erektiler Dysfunktion, Inkontinenz und psychischer Morbidität als Folgekosten. Das strukturelle Problem ist nicht der PSA-Test. Es ist die fehlende Risikostratifizierung danach.
Das opportunistische Screening erzeugt dabei eine paradoxe Verteilung: Über 50 % der Männer jenseits des 80. Lebensjahres werden regelmäßig getestet, obwohl der Nettonutzen klinisch marginal ist. Gleichzeitig erhält nur rund ein Drittel der Männer zwischen 40 und 70 Jahren – jener Kohorte mit dem höchsten Nutzenüberschuss – überhaupt einen PSA-Test. Das System testet die Falschen zum falschen Zeitpunkt, ohne Plan.
Was lange fehlte, ist jetzt belegt. Ein risikoadaptiertes Screening – bestehend aus altersbasierter Ersteinladung, PSA-abhängigen Wiedereinladungsintervallen, konfirmatorischer PSA-Wiederholung und nachgeschalteter MRT-Diagnostik – erreicht vergleichbare Detektionsraten klinisch signifikanter Karzinome wie das Mammografie-Screening – adressiert dessen größte Schwäche, die Überdiagnose, durch die Risikoadaptierung aber gezielter. Erstmals vereint ein Früherkennungsmodell die Stärken des Mammografie-Screenings und mildert zugleich seine bekannten Schwächen. Das bedeutet: Prostatakrebs kann endlich mit derselben diagnostischen Präzision und gesellschaftlichen Legitimität angegangen werden wie Brustkrebs.
Der entscheidende Vorteil liegt in der Ressourcenallokation. Unnötige Wiedereinladungen, überflüssige Biopsien und vermeidbare Therapiefolgen werden durch den stufenweise arbeitenden Algorithmus strukturell reduziert. Wichtig für die Praxis: Bei Männern jenseits des 70. Lebensjahres kippt die Kosten- Nutzen-Bilanz – die Zahl erforderlicher Abklärungsuntersuchungen steigt, der individuelle Nutzen verringert sich, Überdiagnosen nehmen zu.
Die österreichischen Versorgungsdaten machen den Handlungsbedarf greifbar: Rund 7.500 Neudiagnosen stehen jährlich über 10.000 operativen Eingriffen gegenüber – ein Missverhältnis, das auf eine erhebliche Dunkelziffer und ausgeprägte Übertherapieraten hindeutet. Numerisch übertrifft das Prostatakarzinom damit schon heute die Brustkrebsinzidenz in Österreich deutlich.
Global wird eine Verdopplung der Prostatakarzinomfälle innerhalb der nächsten zehn Jahre prognostiziert. Für Europa und Österreich werden Zuwächse von 20–40 % modelliert. Der Rat der Europäischen Union empfahl 2022 allen Mitgliedstaaten ein organisiertes, risiko-basiertes Früherkennungsprogramm – analog zu bestehenden Programmen für Mamma- und kolorektales Karzinom. Österreich hat diese Empfehlung bislang nicht strukturell umgesetzt.