HAUSÄRZT:IN: Wie bewerten Sie das aktuelle kostenlose Kinderimpfprogramm in Österreich?
MR Dr. PRIELER: Zum Glück haben wir in Österreich das Privileg, seit mehr als 25 Jahren ein öffentliches Kinderimpfprogramm zu haben. Insgesamt ist es gut aufgebaut. Impfstoffe können vergleichsweise unkompliziert bestellt werden und stehen in den meisten Ordinationen zur Verfügung. Manchmal holen Eltern die Impfstoffe jedoch selbst in der Apotheke ab. Ich persönlich sehe das kritisch. Die Kühlkette ist hier nicht immer nachvollziehbar.
Verbesserungsbedarf sehe ich auch bei der Abrechnung. In Österreich gibt es neun unterschiedliche Abrechnungsmodelle. Darüber hinaus unterscheiden sich die Regelungen hinsichtlich der Durchführung von Impfungen je nach Bundesland. Nicht überall dürfen Kinderärzt:innen und Allgemeinmediziner:innen alle Impfungen bis zum vorgesehenen Alter von 15 Jahren durchführen. Dadurch entstehen regionale Unterschiede, die aus meiner Sicht nicht sinnvoll sind. Auch die Schulimpfungen haben in den vergangenen Jahren an Bedeutung verloren. Wenn das Ziel höhere Durchimpfungsraten sind, sollte überall dort geimpft werden können, wo Menschen einen leichten Zugang zum Angebot haben. Hier sehe ich noch Potenzial für Verbesserungen.
Welche Impfungen bereiten Ihnen bezüglich der Durchimpfungsraten derzeit die größten Sorgen?
Ein Bereich, in dem wir nach wie vor deutlichen Aufholbedarf haben, ist die Masernimpfung. Das Ziel ist, die Krankheit langfristig auszurotten. Dafür ist wegen der hohen Kontagiosität eine Durchimpfungsrate von 95% der Bevölkerung mit zwei Impfungen notwendig. Die USA waren lange Zeit auf einem guten Weg. Aber infolge der aktuellen politischen Situation verzeichnen sie wieder zahlreiche Masernfälle und 2025 sogar drei Todesfälle. Betrachtet man die aktuellen Zahlen in Österreich, liegen wir vor allem bei der zweiten Impfung deutlich unter dem gewünschten Niveau: Weniger als 80 % der Zweijährigen haben beide Impfdosen erhalten. 2024 wurden in Österreich mit einer Inzidenz von 59 pro 1 Million (und insgesamt 542 gemeldeten Massernfällen) alle Rekorde der letzten 25 Jahre gebrochen. Aufgrund dieser hohen Masernvirusaktivität ist in den nächsten Jahren auch wieder mit tödlich verlaufenden SSPE Erkrankungen zu rechen. Österreich hat deshalb mit 2024 den Status der Masern-Elimination der WHO verloren.
Ein weiteres wichtiges Thema sind die Auffrischungsimpfungen gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten im Erwachsenenalter. Vor ein paar Jahren kam es zu einer Pertussis-Epidemie, weil die Durchimpfungsrate in der erwachsenen Bevölkerung zu niedrig war. Verbesserungspotenzial gibt es zudem bei der Influenzaimpfung. Österreich zählt hier im europäischen Vergleich seit Jahren zu den Schlusslichtern mit ca. 13 % Durchimpfungsrate. Trotz der Ausweitung des kostenlosen Angebots sind die Impfquoten noch deutlich niedriger als etwa in den skandinavischen Ländern, wo teilweise Durchimpfungsraten von 60 bis 70 % erreicht werden. Auch COVID-19 spielt in der allgemeinen Bevölkerung mittlerweile eine deutlich geringere Rolle, dementsprechend ist auch die Impfbereitschaft zurückgegangen. Die Impfempfehlung besteht jedoch weiterhin für alle ab dem vollendeten 12. Lebensjahr insbesondere für Menschen ab dem 60.Lebensjahr und Risikopatienten.
Wie lautet Ihre zentrale Botschaft an die österreichischen Ärzt:innen?
Das gesamte Impfprogramm steht und fällt letztlich mit uns Ärzt:innen. Es ist unser tägliches Brot, Aufklärungsarbeit zu leisten, auch wenn das manchmal mühsam sein kann. Dabei muss man allerdings unterscheiden, mit wem man spricht. Mit überzeugten Impfgegner:innen zu diskutieren, ist kaum zielführend. Anders verhält es sich mit Menschen, die skeptisch sind und sich ihre Meinung vor allem durch Aussagen aus dem Bekanntenkreis oder sozialen Medien gebildet haben. Hier zahlt sich Aufklärung sehr wohl aus. Manchmal genügt ein einziges Gespräch jedoch nicht, man muss das Thema bei späteren Terminen immer wieder aufgreifen.
Ebenfalls ist es wichtig, möglichst bei jedem Patient:innenkontakt einen Blick in den Impfpass zu werfen. Es sollte routinemäßig überprüft werden, ob alle Impfungen altersgerecht durchgeführt wurden, Auffrischungen anstehen oder Impflücken bestehen.
Können Sie schon etwas zum kommenden Impfplan sagen?
Es wird keine großen Änderungen geben. Wesentlich ist, dass die COVID-Impfung nun ab dem 12. Lebensjahr empfohlen ist. Ich kann zwar auch jüngere Personen impfen, aber bei allen gilt grundsätzlich: Nur eine einmalige Impfung, es sei denn, ich bin mir sicher, dass noch kein Kontakt mit SARS-CoV-2 stattgefunden hat. Weiters wird es künftig nicht nur den mRNA-Impfstoff geben, sondern auch für Erwachsene und Kinder ab dem vollendeten 12.Lebensjahr einen Proteinimpfstoff.
Weitere Neuerungen gibt es nur wenige. Die befristete Nachholaktion der HPV-Impfung bis zum 30. Lebensjahr ist ja mit Juni ausgelaufen. Das Impfintervall bei der Tetanus-Diphterie-Pertussis Impfung wird bei den Erwachsenen wieder auf 10 Jahre verlängert, erst ab 60 ist eine Auffrischungsimpfung alle 5 Jahre wieder notwendig. Jugendlichen, welchen im Säuglings- oder Kleinkindalter mit Bexsero® grundimmunisiert wurden, wird im Alter von etwa 15 Jahren eine einmalige Auffrischungsimpfung mit Bexsero® empfohlen. Ob weitere Gratis-Impfungen hinzukommen, sowohl im Kinder- als auch im Erwachsenenbereich, hängt von politischen Entscheidungen ab. Bei Erwachsenen wird beispielsweise diskutiert, ob die Pertussis-Impfung zusätzlich kostenlos angeboten werden sollte. Die Entscheidung treffen allerdings nicht wir im Nationalen Impfgremium. Das ist ein Unterschied zu Deutschland: Wenn die Ständige Impfkommission eine Impfung empfiehlt, entsteht daraus ein bindender Umsetzungsdruck für die Politik.
Wie stellen Sie sich das österreichische Kinderimpfprogramm in zehn Jahren vor?
Wünschenswert wäre aus meiner Sicht die Aufnahme weiterer Impfungen in das kostenfreie Kinderimpfprogramm, etwa jener gegen Meningokokken der Gruppe B oder der Impfung gegen Varizellen. Bei den Varizellen handelt es sich um eine Erkrankung, die immer wieder epidemisch auftritt. Da Betroffene bereits ein bis zwei Tage vor dem Ausbruch der Symptome ansteckend sind, kann ein einziges infiziertes Kind im Kindergarten zahlreiche andere Menschen anstecken. Eine höhere Durchimpfungsrate würde nicht nur gesundheitliche Vorteile bringen, sondern auch volkswirtschaftliche Effekte haben, weil weniger Betreuungs- und Arbeitsausfälle entstehen würden. Ebenso wäre eine Impfung gegen Meningokokken B sehr sinnvoll, da dieser Erreger Hirnhautentzündungen verursachen kann, die in Einzelfällen tödlich verlaufen. Auch in Österreich gibt es immer wieder Todesfälle durch solche Infektionen.
Generell sähe meine Idealvorstellung so aus, dass es in der Bevölkerung ein Umdenken gäbe und Impfungen nicht mehr von vielen als etwas Negatives wahrgenommen würden. Impfstoffe gehören zu den am besten untersuchten medizinischen Produkten, die es gibt. Sie sind das einzige Medikament, das Krankheiten verhindert, bevor sie entstehen. Ich wünsche mir, dass Impfungen vermehrt als das gesehen werden, was sie sind: eine der großen Erfolgsgeschichten der Medizin. Das zeigt sich etwa an der drastisch gesunkenen Kindersterblichkeit und daran, das in Ländern mit hohen Durchimpfungsraten die Anzahl von schweren oder tödlichen Verläufen vieler Infektionskrankheiten deutlich niedriger ist als bei niedrigeren Durchimpfungsraten.