Hausärzt:in 7-8/2026
Ärzt:in Assistenz 2026

S3-Leitlinie zum Schwangerschaftsabbruch im ersten Trimenon

Die Leitlinie zum Schwangerschaftsabbruch im ersten Schwangerschaftsdrittel wurde unter Mitwirkung der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG) aktualisiert und erstmals als S3-Leitlinie veröffentlicht.

Die S3-Leitlinie zum Schwangerschaftsabbruch im ersten Trimenon bietet eine evidenzbasierte Grundlage für die Beratung und Versorgung von Frauen mit einem Schwangerschaftskonflikt. Sie enthält praxisrelevante Empfehlungen zur Beratung, Indikationsstellung, Methodenwahl, Durchführung und Nachsorge eines Schwangerschaftsabbruchs.

Frauen in einer Schwangerschaftskonfliktsituation benötigen eine qualifizierte, ergebnisoffene Beratung sowie Zugang zu einer medizinisch sicheren Versorgung. Die Entscheidung für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch kann mit erheblichen persönlichen, sozialen und ethischen Belastungen verbunden sein. Ziel ist es, sie bei einer informierten und selbstbestimmten Entscheidung zu unterstützen. Nutzen, Risiken und Abläufe der verschiedenen Verfahren sollen verständlich, evidenzbasiert und unter Berücksichtigung der individuellen Lebenssituation erläutert werden. Ebenso wichtig sind Informationen zum zeitlichen Ablauf, zu den beteiligten Einrichtungen und zu den weiteren notwendigen Schritten. Die Kommunikation sollte dabei durch eine wertneutrale, nicht bewertende Haltung, Vertraulichkeit, ausreichend Zeit für Rückfragen sowie einen respektvollen Umgang mit den Bedürfnissen und Ressourcen der Patientin geprägt sein.

Vor einem Schwangerschaftsabbruch muss die Schwangerschaft ärztlich bestätigt werden. Hierfür sind ein Schwangerschaftstest mittels β-hCG-Bestimmung oder eine Ultraschalluntersuchung erforderlich. Eine Ultraschalluntersuchung zur Bestimmung des Schwangerschaftsalters wird insbesondere bei unregelmäßigem Zyklus, unklarem Menstruationszeitpunkt oder widersprüchlichen klinischen Befunden empfohlen.

Die Leitlinie weist zudem auf die Bedeutung einer sorgfältigen Aufklärung vor pränatalmedizinischen Screeninguntersuchungen hin. Schwangere sollten über die Möglichkeit falsch-positiver und falsch-negativer Befunde informiert werden. Auffällige Ergebnisse, beispielsweise nach einem nicht invasiven Pränataltest (NIPT), sollten vor weitreichenden Entscheidungen diagnostisch abgeklärt werden. Vor einem Schwangerschaftsabbruch werden außerdem Empfehlungen zur präinterventionellen Diagnostik, zum Umgang mit Patientinnen mit besonderen Risiken oder Vorerkrankungen sowie zur Aufklärung über mögliche Komplikationen gegeben.

Beim medikamentösen Schwangerschaftsabbruch empfiehlt die Leitlinie die Kombination von Mifepriston und anschließendem Misoprostol. Patientinnen sollen darüber informiert werden, dass sie bei geeigneten Voraussetzungen zwischen einer Anwendung in einer medizinischen Einrichtung und einer Durchführung zu Hause wählen können. Erfolgt die Einnahme außerhalb einer medizinischen Einrichtung, müssen eine umfassende Aufklärung, eine ausreichende Medikamentenversorgung sowie die jederzeitige Erreichbarkeit einer erfahrenen medizinischen Einrichtung gewährleistet sein. Zudem sollte auf den Off-Label-Use von Misoprostol in bestimmten Schwangerschaftswochen hingewiesen werden. Die Leitlinie beschreibt darüber hinaus Empfehlungen zum Management von Nebenwirkungen wie Blutungen, Schmerzen und Prostaglandin-bedingten Beschwerden sowie zur Vermeidung und Behandlung möglicher Komplikationen. Nach einem medikamentösen Schwangerschaftsabbruch soll der erfolgreiche Abschluss der Schwangerschaft ärztlich kontrolliert werden.

Für den operativen Schwangerschaftsabbruch wird eine vorausgehende Abklärung von Begleiterkrankungen empfohlen, die das Komplikationsrisiko erhöhen können. Zudem sollte vor dem Eingriff ein Zervixpriming erfolgen, um das Risiko unvollständiger Abbrüche und die Notwendigkeit zusätzlicher Dilatationsmaßnahmen zu reduzieren. Die Leitlinie behandelt außerdem die Wahl des Verfahrens, Analgesie- und Anästhesieverfahren, den Umgang mit möglichen Komplikationen sowie Aspekte der Nachsorge.

Neben den medizinischen Empfehlungen berücksichtigt die Leitlinie auch die psychischen und emotionalen Auswirkungen einer ungewollten Schwangerschaft und eines Schwangerschaftsabbruchs. Frauen können sehr unterschiedliche emotionale Reaktionen zeigen. Ärzt:innen sollten diese akzeptierend und unterstützend begleiten, stigmatisierendes Verhalten vermeiden und bei Bedarf auf geeignete psychosoziale Unterstützungsangebote oder Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen hinweisen. Auch das soziale Umfeld kann eine wichtige Ressource für die Bewältigung der Situation sein.