In Österreich erleiden jährlich rund 20.000 Menschen einen Schlaganfall. Eine wirksame Schlaganfallversorgung umfasst die gesamte Behandlungskette von Prävention und früher Symptomerkennung über die Akuttherapie bis hin zu Rehabilitation, Sekundärprävention und strukturierter Nachsorge. Flächendeckende Versorgungsstrukturen und intensive Forschung tragen dazu bei, dass Österreich in der Schlaganfallmedizin international eine führende Rolle einnimmt.
"Entscheidend ist, die gesamte Versorgungskette im Blick zu haben, von der Prävention über die hochspezialisierte Akutbehandlung bis zur Rehabilitation und Nachsorge. Gleichzeitig müssen wir innovative digitale Möglichkeiten nutzen, um Patient:innen auch nach dem Spitalsaufenthalt bestmöglich zu begleiten", betont Assoz.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Michael Knoflach, neuer Präsident der Österreichischen Schlaganfallgesellschaft (ÖGSF) und Leiter der Arbeitsgruppe Schlaganfall an der Universitätsklinik für Neurologie der Medizinischen Universität Innsbruck.
Wie digitale Anwendungen die Nachbetreuung verbessern können, untersucht derzeit die österreichische DASH-Studie (Digital Application for Stroke Health). In die multizentrische, randomisierte Studie sollen 500 Patient:innen nach Schlaganfall oder transitorischer ischämischer Attacke (TIA) eingeschlossen werden. Ergänzend zur Standardnachsorge wird eine StrokeApp evaluiert, die Patient:innen bis zu zwölf Monate begleitet. Die Anwendung soll insbesondere die Sekundärprävention und das Selbstmanagement unterstützen durch patientengerechte medizinische Informationen, Erinnerungen an Medikation und Kontrolltermine sowie die Dokumentation gesundheitsrelevanter Parameter. Untersucht wird unter anderem der Einfluss der digitalen Begleitung auf die gesundheitsbezogene Lebensqualität sowie auf das Management vaskulärer Risikofaktoren. Mehrere universitäre und klinische Zentren in Österreich sind an der Studie beteiligt.
"Digitale Anwendungen können künftig eine wichtige Ergänzung zur persönlichen medizinischen Betreuung sein. Sie können Patient:innen dabei unterstützen, Risikofaktoren auch nach der Entlassung dauerhaft im Blick zu behalten und notwendige Maßnahmen im Alltag umzusetzen", so Knoflach.
Die Akutversorgung basiert auf einem flächendeckenden Netzwerk spezialisierter Stroke Units. Nahezu die gesamte österreichische Bevölkerung erreicht innerhalb von weniger als einer Stunde eine entsprechende Einrichtung. Dort stehen strukturierte Diagnostik, evidenzbasierte Akuttherapie, engmaschige Überwachung sowie neurologische Frührehabilitation zur Verfügung. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor liegt neben der hohen Versorgungsdichte in der systematischen Qualitätssicherung. "Das österreichische Stroke-Unit-Register ermöglicht es, Prozesse und Behandlungsergebnisse systematisch zu erfassen, zu vergleichen und die Versorgungsqualität kontinuierlich weiterzuentwickeln“, erklärt Prim.a Priv.-Doz.in Dr.in Julia Ferrari, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) sowie Leiterin der Abteilung für Neurologie, Neurologische Rehabilitation und Akutgeriatrie im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien.
Trotz moderner Versorgungsstrukturen bleibt die rasche Erkennung eines Schlaganfalls essenziell. Akut auftretende Paresen, Sensibilitäts- oder Sprachstörungen, Sehstörungen, Schwindel oder plötzliche starke Kopfschmerzen erfordern eine sofortige notfallmedizinische Abklärung. Das Prinzip "Time is Brain" bleibt unverändert gültig: Je früher die Behandlung eingeleitet wird, desto größer ist die Chance, bleibende neurologische Defizite zu vermeiden.
Ebenso bedeutsam ist die Primärprävention. Schätzungen zufolge könnten bis zu 80 % aller Schlaganfälle durch konsequente Kontrolle modifizierbarer Risikofaktoren und einen gesundheitsfördernden Lebensstil verhindert werden. Zu den wichtigsten präventiven Maßnahmen zählen Rauchverzicht, Gewichtskontrolle, regelmäßige körperliche Aktivität, mediterrane Ernährung sowie ein geringer beziehungsweise kein Alkoholkonsum. Besondere Bedeutung kommt der frühzeitigen Erkennung und Behandlung von arterieller Hypertonie, Dyslipidämie, und Diabetes mellitus zu. Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen sind daher ein zentraler Bestandteil der Präventionsstrategie.
Die arterielle Hypertonie gilt als wichtigster beeinflussbarer Risikofaktor für Schlaganfälle. Eine konsequente Blutdruckkontrolle kann das Risiko deutlich reduzieren. Auch erhöhte LDL-Cholesterinwerte tragen wesentlich zur Atheroskleroseentwicklung und damit zum vaskulären Risiko bei. Zunehmende Aufmerksamkeit erfährt zudem Lipoprotein(a) [Lp(a)] als genetisch determinierter, unabhängiger kardiovaskulärer Risikofaktor. Leitlinien empfehlen eine zumindest einmalige Bestimmung im Erwachsenenalter, insbesondere bei entsprechender Familienanamnese. Darüber hinaus erhöhen Diabetes mellitus und Rauchen das Risiko vaskulärer Ereignisse erheblich. Raucher:innen weisen im Vergleich zu Nichtraucher:innen ein bis zu doppelt so hohes Schlaganfallrisiko auf. Nach einem Rauchstopp beginnt dieses Risiko bereits innerhalb weniger Monate zu sinken.
Nach der Akutphase gewinnen Rehabilitation, Sekundärprävention und die langfristige Kontrolle vaskulärer Risikofaktoren zunehmend an Bedeutung. Ziel ist es, funktionelle Selbstständigkeit und Lebensqualität zu erhalten sowie Rezidivereignisse zu vermeiden.
Ein Beispiel für innovative Nachsorgekonzepte ist das in Österreich entwickelte STROKE-CARD-Modell. In einer randomisierten klinischen Studie mit 2.149 Patient:innen nach ischämischem Schlaganfall oder TIA reduzierte eine strukturierte Nachbetreuung das Risiko schwerwiegender kardiovaskulärer Ereignisse innerhalb eines Jahres von 8,3 auf 5,4 %. Gleichzeitig zeigten sich Verbesserungen der Lebensqualität und des funktionellen Outcomes.
Moderne Schlaganfallversorgung endet damit nicht an der Stroke Unit, sondern umfasst ein integriertes Versorgungskonzept aus Akutbehandlung, Rehabilitation, Sekundärprävention und strukturierter Nachsorge.