Hausärzt:in 6/2026
Ärzt:in Assistenz 2025

Neue Empfehlungen zum Lipidmanagement in Österreich

Mit dem Österreichischen Lipidkonsensus 2026 liegt seit 2016 wieder eine umfassend aktualisierte nationale Empfehlung zur Diagnostik, Risikostratifizierung und Therapie von Fettstoffwechselstörungen vor. 

Der Konsensus wurde von 15 österreichischen Fachgesellschaften und 32 Expert:innen erarbeitet und vereint aktuelle wissenschaftliche Evidenz mit den Anforderungen des österreichischen Gesundheitssystems. Ziel ist eine einheitliche, praxisnahe Versorgung über alle Altersgruppen hinweg, von der Pädiatrie bis ins hohe Alter.

Kardiovaskuläre Erkrankungen bleiben die häufigste Todesursache in Europa und verursachen erhebliche gesundheitliche und volkswirtschaftliche Belastungen. Gleichzeitig gilt ein großer Teil der kardiovaskulären Ereignisse durch frühzeitige Identifikation und konsequente Behandlung modifizierbarer Risikofaktoren als vermeidbar. Vor diesem Hintergrund greifen europäische Initiativen wie der Safe Hearts Plan die Bedeutung strukturierter Präventions- und Screeningstrategien auf, insbesondere im Bereich lipidassoziierter Risikofaktoren. Der Lipidkonsensus versteht sich als nationale Umsetzung dieser Zielsetzungen und soll dazu beitragen, kardiovaskuläre Ereignisse und vorzeitige Mortalität in Österreich nachhaltig zu reduzieren.

Inhaltlich orientiert sich der Konsensus an den aktuellen europäischen Empfehlungen, insbesondere den ESC/EAS-Dyslipidämie-Leitlinien 2019 und deren Focused Update 2025, und überträgt diese auf die österreichische Versorgungssituation. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Umsetzung im niedergelassenen Bereich, wo Lipidtherapie und kardiovaskuläre Prävention eine zentrale Rolle spielen.

Ein Schwerpunkt liegt auf einer differenzierten Risikobewertung unter Berücksichtigung klassischer und neuer Lipidparameter sowie relevanter Komorbiditäten wie Diabetes mellitus, Adipositas, chronischer Nierenerkrankung und endokrinen Störungen. Für die Risikoeinschätzung wird ein Standardlipidprofil empfohlen, bestehend aus: Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin (LDL-C), HDL-Cholesterin (HDL-C), Triglyzeriden (TG) und Lipoprotein(a) (Lp(a)). Darüber hinaus gewinnen Apolipoprotein B (ApoB), Non-HDL-Cholesterin und insbesondere Lp(a) zunehmend an Bedeutung. Da erhöhte Lp(a)-Spiegel ein genetisch determinierter und unabhängiger Risikofaktor für atherosklerotische kardiovaskuläre Erkrankungen sind, wird empfohlen, Lp(a) zumindest einmal im Leben zu bestimmen, da sich aus dem Befund relevante therapeutische Konsequenzen ergeben können.

Für die kardiovaskuläre Risikostratifizierung empfiehlt der Konsensus die Anwendung von SCORE2 bzw. SCORE2-OP unter Berücksichtigung zusätzlicher Risikomodifikatoren wie familiärer Belastung, chronischer Nierenerkrankung, Diabetes mellitus oder erhöhter Lp(a)-Werte.

Zur frühzeitigen Risikoerkennung sollte möglichst früh, spätestens jedoch zwischen dem 18. und 20. Lebensjahr, bei jeder Person erstmals ein Lipidprofil erhoben werden. Der Konsensus weist zudem darauf hin, dass ein Lipidprofil in den meisten Fällen nicht nüchtern bestimmt werden muss, was die Umsetzung im Praxisalltag erleichtert. Besonderes Augenmerk gilt dabei auch dem Erkennen vererbter Dyslipidämien wie der familiären Hypercholesterinämie.

Neben Lebensstilmaßnahmen beschreibt der Konsensus die gesamte Bandbreite moderner lipidsenkender Therapien. Die konsequente Senkung des LDL-Cholesterins entsprechend der individuellen Risikokategorie steht dabei im Mittelpunkt. Wird der Zielwert mit einer Statintherapie nicht erreicht oder besteht eine Statinintoleranz, wird eine frühzeitige Therapieintensivierung empfohlen. Als evidenzbasierte Optionen stehen Ezetimib, Bempedoinsäure, PCSK9-Inhibitoren und Inclisiran zur Verfügung. Der Konsensus betont zudem den wachsenden Stellenwert moderner Kombinationstherapien.

Ergänzend werden praktische Aspekte der Versorgung behandelt, darunter Therapieadhärenz, interdisziplinäre Zusammenarbeit sowie häufige Fragen aus dem klinischen Alltag. Eigene Kapitel zu "Mythen und Fake News um lipidsenkende Therapien" und praxisorientierte FAQs sollen Ärzt:innen bei der Patientenkommunikation und Therapieumsetzung unterstützen.