Philipp Zelger PhD ist seit dem 1. Februar Professor für Experimentelle Audiologie. Dieser Lehrstuhl hat die Med Uni Innsbruck gemeinsam mit MED-EL an der Univ.-Klinik für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen neu geschaffen.
An der Med Uni Innsbruck werden jährlich rund 5.000 Patient:innen mit Hörbeeinträchtigung, Hörverlust oder angeborener Gehörlosigkeit betreut. Angesichts der demografischen Entwicklung ist in den kommenden Jahren mit einem deutlichen Anstieg dieser Zahlen zu rechnen. Hörstörungen betreffen dabei nicht nur ältere Menschen, sie können auch Kinder in ihrer Entwicklung erheblich beeinträchtigen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) prognostiziert, dass bis zum Jahr 2050 weltweit rund 2,5 Milliarden Menschen, also nahezu jeder vierte, von einer Hörstörung betroffen sein werden.
Damit wächst auch die Bedeutung von Früherkennung und rechtzeitiger Therapie, um langfristige Folgen wie ein erhöhtes Demenzrisiko oder Entwicklungsverzögerungen bei Kindern zu verhindern. Forschung spielt dabei eine zentrale Rolle.
Besonders zeitkritisch ist die Versorgung mit Cochlea-Implantaten bei Kindern, die gehörlos geboren wurden. In Innsbruck werden diese Implantate ab dem zehnten Lebensmonat eingesetzt. Je länger ein Kind ohne Höreindrücke bleibt, desto schwieriger wird es, Hören, Sprachverstehen und Sprechen zu entwickeln. Aber auch Erwachsene, etwa nach einem Hörsturz oder bei fortschreitendem Hörverlust, sollten nicht zu lange mit einer Implantation warten.
Bislang sieht das Innsbrucker Protokoll vor, dass das Implantat vier bis sechs Wochen nach der Operation erstmals aktiviert wird. Für Erwachsene bedeutet das eine verlängerte Phase der Stille, für Babys den Verlust wertvoller Zeit für die Hör- und Sprachentwicklung. Erst danach beginnen die aufwendigen Anpassungssitzungen mit den Audiolog:innen sowie das Hörtraining mit den Logopäd:innen. Denn ein Cochlea-Implantat verfügt über zwölf Elektroden, die individuell eingestellt werden müssen, um optimale Höreindrücke zu ermöglichen.
Neue Studien deuten darauf hin, dass ein früheres Einschalten des Implantats – die sogenannte "Early Activation" – die Heilung positiv beeinflussen kann. Dieser Ansatz bildet zugleich das erste gemeinsame Forschungsprojekt von Zelger mit dem Hörimplantate-Hersteller MED-EL.
Dabei soll die Elektrode des Implantats wie ein kleines EEG genutzt werden, um die Reaktion des Hörnervs direkt zu messen. Zusätzlich wird der Stapedius-Reflex herangezogen: Bei zu hoher Lautstärke reagiert der Steigbügelmuskel mit einer sichtbaren Bewegung, die bereits während der Operation beobachtet werden kann. So könnten erste Einstellungen des Implantats schon während des Eingriffs erfolgen, mit dem Ziel, dass Patient:innen ihr Hörsystem bereits am Tag nach der Operation nutzen können.
Auch Künstliche Intelligenz spielt in diesem Prozess eine Rolle. Zelger, der an der MedUni Innsbruck auch Grundlagen der KI lehrt, wird Algorithmen einsetzen, um die unter Narkose gemessenen Hörreaktionen auf den Wachzustand hochzurechnen. Da Menschen im Schlaf oder unter Narkose weniger hören, helfen diese Berechnungen dabei, beim ersten Einschalten eine möglichst präzise Lautstärkeeinstellung zu erreichen. Das Feintuning erfolgt anschließend im Wachzustand.