In Österreich erkranken jährlich etwa 40.000–50.000 Menschen an Krebs. Schätzungen zufolge entwickeln 10–30 % dieser Patient:innen im Verlauf kardiovaskuläre Komplikationen. Vor diesem Hintergrund ist neben der Tumorbehandlung ein strukturiertes kardiologisches Screening sowie, bei erhöhtem Risiko oder manifesten Befunden, eine integrative kardio-onkologische Mitbetreuung indiziert.
Ao. Univ.-Prof.in Dr.in Jutta Bergler-Klein, Leiterin der Ambulanz für Kardio-Onkologie an der Universitätsklinik für Innere Medizin II (MedUni Wien), Vorstandsmitglied des ESC Council of Cardio-Oncology sowie Local Host der ESC Cardio-Oncology Conference 2026, betont: "Ziel der Kardiologie ist es nicht, potenziell lebensrettende onkologische Therapien einzuschränken, sondern Patient:innen von Beginn an kardiologisch zu begleiten und bei Bedarf evidenzbasierte Herztherapien einzusetzen, um sowohl das onkologische Outcome als auch die langfristige Lebensqualität zu optimieren."
Mit den steigenden Überlebensraten, z. B. über 80 % bei Brustkrebs, rücken kardiovaskuläre Nebenwirkungen stärker in den Fokus. Diese können sowohl akut während der Therapie als auch als Spätfolgen Jahre nach Therapieende auftreten. Zu den häufigsten Komplikationen zählen Herzinsuffizienz, Arrhythmien, insbesondere Vorhofflimmern, arterielle Hypertonie sowie seltener Myokarditiden und akute Koronarsyndrome.
Das individuelle kardiovaskuläre Risiko lässt sich bei onkologischen Patient:innen gut stratifizieren. Relevante Faktoren sind unter anderem Alter, Raucherstatus, Vorliegen kardiovaskulärer Erkrankungen, arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus sowie eine vorangegangene Tumortherapie. Zur Basisdiagnostik zählen EKG, transthorakale Echokardiographie sowie Biomarker wie BNP/NT-proBNP, Troponin, Glukose- und Lipidparameter. Zusätzlich können im Rahmen onkologischer Bildgebung (z. B. CT) Hinweise auf koronare Atherosklerose detektiert werden.
Bei erhöhten Risikokonstellationen oder pathologischen Biomarkern (z. B. BNP-Anstieg) sind regelmäßige kardiale Verlaufsuntersuchungen indiziert. Bei Hinweisen auf eine sich entwickelnde Herzinsuffizienz oder bei klinischen Symptomen (z. B. Dyspnoe, periphere Ödeme) sollte frühzeitig eine leitliniengerechte Therapie (u. a. ACE-Hemmer/ARB, ARNI, Betablocker, SGLT2-Inhibitoren) eingeleitet werden. Bei Verdacht auf koronare Herzerkrankung (z. B. EKG-Veränderungen, Angina-Symptomatik, Troponinerhöhung) erfolgt die weiterführende Diagnostik mittels Koronar-CT oder invasiver Koronarangiographie, mit gegebenenfalls interventioneller Therapie (z. B. Stentimplantation) auch während laufender Krebstherapie. Zur Prävention anthrazyklininduzierter Kardiotoxizität stehen protektive Strategien wie Dexrazoxan oder liposomale Anthrazykline zur Verfügung, insbesondere bei vorbestehender kardialer Dysfunktion oder Vortherapien.
In vielen Fällen ermöglicht die kardio-onkologische Mitbetreuung eine Fortführung der onkologischen Therapie unter optimierten kardiovaskulären Bedingungen. In Einzelfällen kann jedoch eine Dosisanpassung oder Therapieumstellung erforderlich sein.
Onkologische Patient:innen weisen langfristig ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko auf, insbesondere nach Tumorerkrankungen im Kindesalter mit potenziell kardiotoxischen Therapien. Strukturierte Nachsorgeprogramme mit regelmäßigen klinischen Kontrollen und Echokardiographien sind daher essenziell zur frühzeitigen Detektion kardialer Veränderungen. Auch bei erwachsenen Krebsüberlebenden ist eine konsequente kardiologische Nachsorge angezeigt. Nach Brustkrebs ist das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen innerhalb von fünf Jahren etwa verdoppelt.