Vor rund 20 Jahren wurde in Tirol ein grenzüberschreitendes Herzinfarkt-Netzwerk mit der Klinik Füssen aufgebaut, das bis heute eine rasche, moderne und flächendeckende Akutversorgung ermöglicht und die Heilungschancen nach einem Herzinfarkt deutlich verbessert hat. Auf die langfristige Nachsorge lässt sich die erfreuliche Bilanz jedoch nicht übertragen. "Mehr als die Hälfte der Herzinfarktpatient:innen erreicht ein Jahr nach dem überstandenen Infarkt die empfohlenen Zielwerte für Blutdruck, Cholesterin oder Blutzucker nicht", informiert Kardiologe Sebastian Reinstadler von der Innsbrucker Univ.-Klinik für Innere Medizin III. Durch eine suboptimale Nachsorge bleibt ein Risiko bestehen, das die Gefahr für neuerliche Herzinfarkte und Komplikationen erhöht.
Nun steht im Rahmen des EU-Interreg-Projekts Tele Alpine, das vom Herzzentrum Füssen koordiniert wird, die Entwicklung einer Gesundheits-App im Fokus, die von Reinstadler und seinem Innsbrucker Team verantwortet und umgesetzt wird. "Die App erfasst bis zu zehn Risikofaktoren – darunter Cholesterin, Blutdruck, Lebensstil, Impfstatus, Lebensstilfaktoren – und ermöglicht auf diesem Weg eine individuelle Nachsorge. Schon während des stationären Aufenthalts nach dem Herzinfarkt wird die App individuell konfiguriert. Für jede Patient:in werden die jeweils relevanten Risikofaktoren erhoben. Das Ergebnis ist ein schlankes, auf die persönliche Situation zugeschnittenes digitales Werkzeug", erklärt Reinstadler. Patient:innen können damit Werte eintragen, Laborbefunde hochladen und ihren Fortschritt verfolgen. Auch Lebensstilfaktoren wie sportliche Aktivität, Rehabilitationsmaßnahmen und Impfungen werden erfasst.
Spätestens 2027 soll das Projekt im Rahmen einer klinischen Studie wissenschaftlich evaluiert werden. An allen drei Standorten erfolgt die Rekrutierung. Teilnehmende werden dazu in drei Gruppen aufgeteilt: Die erste erhält die Standardversorgung ohne digitale Unterstützung, die zweite nutzt allein die App, und die dritte kombiniert die App mit telemedizinischer Betreuung – das heißt: Selbstdokumentationen plus Arztgespräche und Beratung zu drei Zeitpunkten. Seitens der Forscher:innen wird angenommen, dass eine ausschließliche App-Lösung noch zu wenig Effekt auf die Optimierung der Nachsorge hätte. Erst die Kombination mit einer menschlichen, medizinisch fundierten Interaktion würde zu konkreten Verhaltensänderungen führen.
"Unser Ziel ist es außerdem, das Projekt an die ELGA bzw. das entsprechende deutsche System anzubinden – im Sinne einer echten Integration in die bestehende öffentliche Gesundheitsinfrastruktur beider Länder", so Reinstadler.