Lungenkrebs ist nach Brustkrebs weltweit die zweithäufigste Krebserkrankung bei Frauen. Während Inzidenz und Mortalität bei Männern in vielen Industrieländern seit Jahren rückläufig sind, steigen sie bei Frauen in zahlreichen Regionen weiterhin an oder gehen deutlich langsamer zurück. Diese Entwicklung spiegelt veränderte Rauchgewohnheiten der vergangenen Jahrzehnte wider, lässt sich jedoch nicht allein dadurch erklären.
Zunehmend zeigt sich, dass Frauen in vielerlei Hinsicht anders von Lungenkrebs betroffen sind als Männer. Unterschiede bestehen bei Risikofaktoren, Tumorbiologie, Diagnostik und Therapieansprechen. "Rund 80 bis 90 % aller Lungenkrebserkrankungen stehen weiterhin mit dem Tabakkonsum in Zusammenhang. Dennoch fällt seit einigen Jahren auf, dass vergleichsweise viele Frauen an Lungenkrebs erkranken, obwohl sie nie oder nur wenig geraucht haben. Besonders häufig handelt es sich dabei um das Adenokarzinom, den heute häufigsten Typ des Lungenkrebses", erklärt OA Dr. Maximilian Hochmair, Leiter der ÖGP-Expert:innengruppe Pneumologische Onkologie.
Als Risikofaktoren gelten neben aktivem Rauchen auch Passivrauchen, Luftverschmutzung sowie die Belastung durch Rauch aus Holz-, Kohle- oder Biomassefeuern in Innenräumen. Auch Dämpfe, die beim starken Erhitzen von Speiseölen entstehen, werden diskutiert. Aufgrund traditioneller Rollenverteilungen sind Frauen diesen Expositionen in vielen Regionen häufiger ausgesetzt als Männer.
Darüber hinaus deuten zahlreiche Studien auf biologische Unterschiede hin. Frauen weisen häufiger EGFR-Mutationen auf, die das Tumorwachstum fördern, zugleich aber therapeutisch nutzbar sind. Eine umfassende molekulare Diagnostik ist daher ein essenzieller Bestandteil der Therapieplanung. Zudem werden geschlechtsspezifische Unterschiede im Immunsystem, Arzneimittelstoffwechsel und in der Genregulation beschrieben, deren Einfluss auf Tumorentstehung und Therapieansprechen Gegenstand aktueller Forschung ist. Uneinheitlich bleibt die Evidenz zum Einfluss weiblicher Hormone. Zwar exprimieren viele Lungentumoren Östrogenrezeptoren, ein Zusammenhang zwischen hormoneller Kontrazeption oder Hormonersatztherapie und dem Erkrankungsrisiko konnte bislang jedoch nicht eindeutig belegt werden.
Eine besondere Herausforderung stellt die Diagnostik dar. Frühe Symptome wie Husten, Dyspnoe, Müdigkeit, Gewichtsverlust oder Rückenschmerzen sind häufig unspezifisch. Studien weisen darauf hin, dass Frauen später diagnostiziert werden als Männer und häufiger mehrere Arztkontakte benötigen, bis die Diagnose gestellt wird. Dazu tragen unter anderem das weiterhin verbreitete Bild des "typischen" Lungenkrebspatienten als älterer männlicher Raucher sowie die geringere Aufmerksamkeit für Lungenkrebs bei Nichtraucherinnen bei.
Auch in der klinischen Forschung waren Frauen lange Zeit unterrepräsentiert. Viele Erkenntnisse zu Dosierung, Nebenwirkungsprofil und Therapieeffekten beruhen daher überwiegend auf männlichen Patientenkollektiven. Inzwischen mehren sich Hinweise, dass Frauen unter bestimmten Krebstherapien häufiger Nebenwirkungen entwickeln, darunter Übelkeit, neurologische Beschwerden und immunvermittelte Toxizitäten. Ob daraus künftig geschlechtsspezifische Therapieempfehlungen abgeleitet werden sollten, wird derzeit untersucht. Auch das Ansprechen auf Immuntherapien scheint sich teilweise zwischen den Geschlechtern zu unterscheiden. Dabei dürfte jedoch weniger das Geschlecht selbst als vielmehr die unterschiedliche Verteilung bestimmter Tumormutationen, etwa im EGFR-Gen, entscheidend sein.
Insgesamt ergibt sich keine eigenständige Form des "Frauen-Lungenkrebses". Aber es wird deutlich, dass biologische und gesellschaftliche Geschlechtsunterschiede bei Prävention, Diagnostik und Behandlung stärker berücksichtigt werden sollten.