Hausärzt:in 6/2026
Ärzt:in Assistenz 2025

Frakturen als verpasste Chance zur Osteoporose-Diagnose

Eine österreichweite Studie des Ludwig Boltzmann Instituts für Osteologie (LBI Osteologie) und des Complexity Science Hub (CSH) weist auf Defizite in der Erkennung und Dokumentation von Osteoporose hin. Selbst bei Frakturtypen, die als typische Fragilitätsfrakturen gelten, wird die zugrunde liegende Knochenerkrankung häufig nicht diagnostiziert.

Osteoporose zählt zu den häufigsten chronischen Erkrankungen im höheren Lebensalter und ist mit einem deutlich erhöhten Frakturrisiko assoziiert. Dennoch erfolgt die Diagnosestellung häufig erst nach Auftreten einer typischen Fragilitätsfraktur, insbesondere einer Hüftfraktur. Eine aktuelle Studie des LBI Osteologie und des CSH liefert erstmals eine österreichweite Analyse des gemeinsamen Auftretens von Osteoporose, Frakturen und Begleiterkrankungen auf Basis von Krankenhausdaten.

Die Untersuchung basiert auf den stationären Gesundheitsdaten von mehr als 1,7 Millionen Patient:innen im Alter von 50 bis 79 Jahren, die zwischen 2003 und 2014 erfasst wurden. Mittels Netzwerkanalysen wurde untersucht, welche Diagnosen gemeinsam mit Osteoporose ohne pathologische Fraktur, osteoporotischen Frakturen und anderen Frakturtypen auftreten. 

Die Ergebnisse zeigen, dass Frakturen in der Regel Bestandteil komplexer multimorbider Krankheitsmuster sind. Osteoporose und Frakturen traten häufig gemeinsam mit kardiovaskulären, metabolischen, neurologischen, respiratorischen und renalen Erkrankungen auf. Die Komplexität dieser Zusammenhänge nahm mit dem Alter deutlich zu und war bei Frauen über alle Altersgruppen hinweg ausgeprägter als bei Männern.

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass Osteoporose in Routinedaten nicht bei allen Frakturtypen systematisch kodiert wird. Während Hüftfrakturen, insbesondere bei Frauen ab dem 60. Lebensjahr, am stärksten mit einer dokumentierten Osteoporose assoziiert waren, fanden sich bei Frakturen des Unterarms, der Hand bzw. des Handgelenks sowie des proximalen Humerus keine Osteoporose-Diagnosen unter den signifikanten Begleitdiagnosen. Dies ist bemerkenswert, da diese Frakturen als typische frühe Fragilitätsfrakturen gelten und eine weitere osteologische Abklärung indizieren sollten.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Osteoporose insbesondere bei jüngeren Betroffenen und bei Männern zum Zeitpunkt einer Fraktur häufig nicht erkannt oder dokumentiert wird. Bei Männern im Alter von 50 bis 69 Jahren waren Frakturen zudem häufiger mit verletzungs- und alkoholassoziierten Diagnosen verknüpft, was möglicherweise zur Untererfassung einer zugrunde liegenden Osteoporose beiträgt.

Darüber hinaus zeigte sich, dass Fragilitätsfrakturen selten isoliert auftreten, sondern häufig mit weiteren Frakturen an unterschiedlichen Skelettlokalisationen assoziiert sind. Jede Fragilitätsfraktur sollte daher als klinisches Warnsignal für ein erhöhtes Risiko weiterer Frakturen verstanden werden und Anlass für eine umfassende osteologische Abklärung einschließlich Frakturrisikobeurteilung und Einleitung einer leitliniengerechten Therapie sein.

Geschlechtsspezifische Analysen ergaben zudem Unterschiede in der Diagnosestellung. Während Osteoporose bei Frauen häufiger im Kontext chronischer Begleiterkrankungen dokumentiert wurde, erfolgte die Diagnose bei Männern häufig erst im Zusammenhang mit bereits eingetretenen Frakturen.

Die vorliegenden Daten unterstreichen die Notwendigkeit einer konsequenten Osteoporose-Diagnostik nach jeder Fragilitätsfraktur, unabhängig von Geschlecht und Alter, um Hochrisikopatient:innen frühzeitig zu identifizieren und weitere Frakturen zu verhindern.