Ob eine erhöhte Infektanfälligkeit im Kindesalter zur Entwicklung einer atopischen Dermatitis beiträgt, wurde bislang nur in wenigen longitudinalen Kohortenstudien untersucht. Die bisherige Evidenz ist uneinheitlich. Während einzelne Studien auf einen möglichen protektiven Effekt von Fieberepisoden hindeuten, berichten andere über ein erhöhtes Risiko für eine atopische Dermatitis nach Atemwegsinfektionen.
Zur Klärung dieser Frage analysierten die Autor:innen Daten der dänischen Geburtskohorte Copenhagen Prospective Study on Asthma in Childhood (COPSAC2010) und replizierten die Ergebnisse anschließend in der US-amerikanischen Geburtskohorte des Vitamin D Antenatal Asthma Reduction Trial (VDAART).
In COPSAC2010 dokumentierten die Eltern von der Geburt bis zum Alter von 3 Jahren täglich Infektionssymptome ihrer Kinder in einem Symptomtagebuch. Erfasst wurden Erkältungssymptome, Durchfall, Erbrechen und Fieber > 38 °C. Zusätzlich wurden ärztlich diagnostizierte Otitiden, Tonsillitiden und Pneumonien registriert. Die Diagnose einer atopischen Dermatitis erfolgte im Rahmen von Visiten im Studienzentrum bis zum Alter von 10 Jahren. In der VDAART-Kohorte berichteten die Eltern während der ersten 3 Lebensjahre in dreimonatlichen Telefoninterviews über Erkältungen, Fieber, Atemwegsinfektionen und Otitiden ihrer Kinder. Als Endpunkt wurde eine von den Eltern angegebene ärztlich diagnostizierte atopische Dermatitis bis zum Alter von 6 Jahren erfasst.
Von den 663 Kindern der COPSAC2010-Kohorte wiesen Kinder im oberen Drittel der Infektionshäufigkeit (n = 221) im Vergleich zu Kindern im unteren Drittel ein erhöhtes Risiko auf, zwischen Geburt und dem 10. Lebensjahr eine atopische Dermatitis zu entwickeln (adjustierte Odds Ratio [aOR] 1,61). Vergleichbare Ergebnisse zeigten sich für die Anzahl der Krankheitstage. Kinder im oberen Drittel der Krankheitslast (n = 221) hatten ebenfalls ein signifikant höheres Risiko für eine atopische Dermatitis (aOR 1,69).
Darüber hinaus war jede zusätzliche Infektionsepisode mit einem Anstieg des Risikos für eine atopische Dermatitis assoziiert, unabhängig von einer systemischen Antibiotikatherapie und dem Vorliegen von Filaggrin-Varianten. Filaggrin spielt eine zentrale Rolle für die Integrität der epidermalen Barriere. Genetische Varianten können die Barrierefunktion beeinträchtigen und das Risiko für eine atopische Dermatitis erhöhen. Die beobachteten Zusammenhänge wurden überwiegend durch Atemwegsinfektionen bestimmt.
Die Replikationsanalyse in der VDAART-Kohorte (n = 707) bestätigte die Ergebnisse. Kinder im oberen Drittel der Infektionshäufigkeit (n = 235) hatten im Vergleich zu Kindern im unteren Drittel ein signifikant erhöhtes Risiko für eine atopische Dermatitis zwischen Geburt und dem 6. Lebensjahr (OR 1,76). Zudem nahm das Risiko mit jeder zusätzlichen Infektionsepisode zu (OR 1,03).
Nach Einschätzung der Autor:innen sprechen die Ergebnisse für einen langfristigen Zusammenhang zwischen Atemwegsinfektionen in den ersten Lebensjahren und dem späteren Risiko für eine atopische Dermatitis.