Hausärzt:in 7-8/2026
Ärzt:in Assistenz 2026

Antidepressiva: Rückfall oder Entzug?

Wer Antidepressiva absetzt und kurz darauf unter depressiven oder ängstlichen Symptomen leidet, erlebt möglicherweise keinen Rückfall der Grunderkrankung. Eine Schweizer Studie deutet darauf hin, dass die Beschwerden häufig Ausdruck von Entzugssymptomen sind, die nach einer Stabilisierung der Dosis wieder abklingen.

Patient:innen, die beim Ausschleichen eines Antidepressivums rasch emotionale Beschwerden entwickeln, erleiden häufig keinen Rückfall ihrer psychischen Erkrankung. Darauf deutet eine prospektive Kohortenstudie aus der Schweiz hin. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass es sich in vielen Fällen um vorübergehende Entzugssymptome handelt, die nach einer Stabilisierung der Dosis wieder abklingen. Die Unterscheidung zwischen Rückfall und Entzugssymptomen hat erhebliche klinische Bedeutung. Werden Beschwerden nach einer Dosisreduktion fälschlicherweise als Wiederauftreten einer Depression oder Angststörung interpretiert, kann dies zu der Annahme führen, dass eine langfristige oder dauerhafte Behandlung mit Antidepressiva notwendig ist.

Für die prospektive Kohortenstudie wurden 32 erwachsene Patient:innen aus Schweizer Hausarztpraxen über einen Zeitraum von 26 Wochen ab Beginn des Ausschleichens eines Antidepressivums begleitet. Erfasst wurden Dosisreduktionen sowie Veränderungen von Entzugssymptomen mithilfe der Discontinuation-Emergent Signs and Symptoms Scale (DESS). Dabei untersuchten die Forscher:innen sowohl affektive Symptome als auch körperliche, für einen Entzug charakteristische Beschwerden. Zusätzlich wurden depressive Symptome mit dem PHQ-9 und Angstsymptome mit dem GAD-7 erhoben. Insgesamt flossen 187 Messungen pro Variable in die Analyse ein.

Die Auswertung zeigte, dass Veränderungen der Depressions- und Angstwerte eng mit Veränderungen der affektiven Entzugssymptome verknüpft waren. Die Korrelationen lagen bei rund 0,6 und damit im starken Bereich. Auch mit körperlichen Entzugssymptomen bestand ein Zusammenhang, dieser fiel jedoch moderater aus (r ≈ 0,3). Besonders auffällig war der zeitliche Zusammenhang mit Dosisreduktionen. Nach einer Verringerung der Antidepressiva-Dosis stiegen affektive Entzugssymptome ebenso wie Depressions- und Angstsymptome signifikant an. In Phasen ohne weitere Dosisänderungen gingen die Beschwerden hingegen wieder zurück. Die Forschenden beschreiben diesen Verlauf als periodisches beziehungsweise "wellenartiges" Muster mit einer Zunahme der Symptome nach Dosisreduktionen und einer Abschwächung während anschließender Stabilisierungsphasen.

Darüber hinaus zeigten die Analysen, dass körperliche Entzugssymptome unabhängig mit emotionalen Beschwerden assoziiert waren. Wurden diese körperlichen Symptome statistisch berücksichtigt, verringerte sich der Zusammenhang zwischen Dosisreduktionen und dem Anstieg depressiver, ängstlicher sowie affektiver Beschwerden deutlich. Dies spricht nach Ansicht der Autor:innen dafür, dass die beobachteten emotionalen Symptome zumindest teilweise Ausdruck eines Entzugssyndroms sind und nicht zwangsläufig auf einen Rückfall der Grunderkrankung hinweisen.

Obwohl aus den Daten keine Kausalität abgeleitet werden kann, spricht dieses Verlaufsmuster eher für Entzugsreaktionen als für einen Rückfall psychischer Erkrankungen. Daher leiteten die Autor:innen eine klare Empfehlung für die klinische Praxis ab. Treten nach einer Dosisreduktion rasch emotionale Beschwerden auf, sollte nicht vorschnell von einem Rückfall ausgegangen werden. Stattdessen könnte eine Verlangsamung des Ausschleichprozesses mit kleineren Dosisschritten sinnvoll sein. "Wer nach einer Dosisreduktion rasch emotionale Beschwerden entwickelt, braucht in den meisten Fällen nicht mehr Medikament, sondern sollte langsamer und mit kleineren Dosisreduktionen absetzen", wird Studienleiter Michael Hengartner zitiert.