Adipositas ist eine chronisch progrediente, multifaktorielle Erkrankung mit erheblichen Folgekomplikationen (u. a. Typ-2-Diabetes, kardiovaskuläre Erkrankungen, Schlafapnoe, Depression, bestimmte Malignome). Die ausgeprägte interindividuelle Variabilität hinsichtlich Verlauf und Therapieansprechen erschwert derzeit valide individuelle Prognosen.
Ein wesentlicher pathogenetischer Ansatz liegt in der evolutionären Entwicklung des Menschen, insbesondere des energieintensiven Gehirns (≈25 % des Grundumsatzes). Die Regulation der Nahrungsaufnahme erfolgt über ein homöostatisches sowie ein hedonisches System. Letzteres kann dazu führen, dass Nahrung unabhängig vom tatsächlichen Energiebedarf aufgenommen wird. Dieses Zusammenspiel trägt wesentlich zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Adipositas bei.
Pathophysiologisch treffen evolutionär konservierte Energiespeichermechanismen auf eine Umgebung mit chronischem Kalorienüberschuss. Hormonelle, genetische, verhaltensbezogene und Umweltfaktoren führen zu einer komplexen Fehlregulation des Energiestoffwechsels.
Der bekannte Body-Mass-Index (BMI) ist als alleiniger Marker unzureichend, da weder Fettverteilung noch Körperzusammensetzung berücksichtigt werden. Entscheidend für das individuelle Risiko ist aber, ob Fett subkutan, viszeral oder in Organen wie der Leber gespeichert wird. Insbesondere viszerales Fett ist prognostisch relevant. Auch geschlechtsspezifische Unterschiede sind wichtig. Männer lagern Fett eher viszeral ein, was mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko verbunden ist. Frauen entwickeln häufiger schwere Adipositasformen und sind stärker von bestimmten Folgeerkrankungen wie Depression betroffen. Hormonelle Faktoren, Schwangerschaften und die Menopause beeinflussen zusätzlich das individuelle Risiko und erschweren die Prognose.
Adipositas ist als heterogenes Spektrum biologischer Zustände zu verstehen. Perspektivisch sind individualisierte, multimodale Therapieansätze erforderlich, u. a. mit Fokus auf metabolische Entzündung, Mikrobiom-Modulation, hormonelle Therapien und geschlechtsspezifische Strategien.
Fazit: Adipositas erfordert ein integratives Verständnis als komplexe Interaktion von Evolution, ZNS-Regulation, Stoffwechsel und Umwelt.