Aktuelle Erkenntnisse aus Psychologie und Neurowissenschaft zeigen, dass Hören ein stark subjektiv geprägter Prozess ist: Wahrnehmung, Verarbeitung und Bewertung akustischer Reize werden nicht nur durch das Hörorgan selbst, sondern auch durch kognitive, emotionale und soziale Faktoren beeinflusst. Dementsprechend können Personen mit vergleichbaren audiologischen Befunden sehr unterschiedliche Belastungen im Alltag erleben.
Diese Subjektivität hat zudem Auswirkungen auf die Stigmatisierung von Hörproblemen. Hörverlust wird gesellschaftlich oftmals mit Alter, Defizit und Rückzug assoziiert. Solche Zuschreibungen sind kulturell verankert und beeinflussen direkt das Selbstbild von Betroffenen. Viele Menschen interpretieren erste Hörveränderungen zunächst als persönliches Versagen oder schieben sie äußeren Umständen zu. Die Entscheidung, eine Hörbeeinträchtigung anzuerkennen und Hilfe in Anspruch zu nehmen, hat daher häufig nicht nur einen medizinischen Grund, sondern ist auch identitätsbezogen.