Hausärzt:in 10/2026
Ärzt:in Assistenz 2026

Zyklusphasen beeinflussen Insulinsensitivität und Time in Range

Zyklusabhängige Veränderungen der Insulinsensitivität beeinflussen bei Frauen mit Typ-1-Diabetes Glukosewerte, Insulinbedarf und Time in Range. Moderne AID-Systeme können diese Schwankungen bislang nur teilweise ausgleichen.

Viele Frauen mit Typ-1-Diabetes haben im Verlauf des Menstruationszyklus einen phasenabhängig veränderten Insulinbedarf. Dieser Einfluss des Zyklus wird bislang weder in Leitlinien noch in Systemen zur automatischen Insulindosierung (AID) ausreichend berücksichtigt. Darauf wies Martina Rothenbühler vom Diabetes Center Berne im Vorfeld der Diabetes-Herbsttagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) hin.

Bekannt ist, dass die Insulinsensitivität insbesondere in der frühen Follikelphase häufig zunimmt, sodass betroffene Frauen in diesem Zeitraum unter Umständen weniger Insulin benötigen. In einer in Diabetes Care veröffentlichten Beobachtungsstudie untersuchte Rothenbühlers Arbeitsgruppe, ob sich diese zyklusabhängigen Veränderungen auch unter Nutzung moderner AID-Systeme nachweisen lassen.

Ausgewertet wurden Daten von 77 Frauen mit Typ-1-Diabetes und insgesamt 380 Menstruationszyklen. Dabei zeigten sich systematische Schwankungen von Insulinbedarf, Kohlenhydrataufnahme und Glukosewerten im Verlauf des Zyklus. Die höchste Insulinsensitivität fand sich zu Beginn des Zyklus in der frühen Follikelphase. In der mittleren Lutealphase waren dagegen die tägliche Insulindosis und die Kohlenhydrataufnahme am höchsten, während die Insulinsensitivität am niedrigsten ausfiel. Gleichzeitig stiegen die mittleren Glukosewerte an, während die Zeit im Zielbereich (Time in Range, TIR) und im engeren Zielbereich (TITR) abnahm.

Die Ergebnisse legen nahe, dass der erhöhte Insulinbedarf in der Lutealphase durch die Anpassungen der AID-Systeme nicht vollständig kompensiert wird. Trotz steigender Insulindosen kam es in dieser Zyklusphase häufiger zu höheren Glukosewerten und einer reduzierten Zeit im Zielbereich.

Rund 85 % der Teilnehmerinnen zeigten dabei ein zyklusabhängiges Muster, das auch bei Frauen ohne Typ-1-Diabetes beschrieben ist. Gleichzeitig bestanden erhebliche individuelle Unterschiede. Die Forscher:innen sehen darin einen Hinweis darauf, dass geschlechtsspezifische physiologische Faktoren für die Glukoseregulation klinisch relevant sind und künftig stärker berücksichtigt werden sollten.

AID-Systeme reagieren zwar dynamisch auf kurzfristige Veränderungen der Glukosewerte, erfassen wiederkehrende zyklusbedingte Schwankungen jedoch bisher nur eingeschränkt. Dies kann dazu führen, dass Patientinnen trotz insgesamt gut eingestellter Therapie wiederholt Phasen mit Hyperglykämien vor der Menstruation oder einem erhöhten Hypoglykämierisiko zu Zyklusbeginn erleben. Einige Frauen gleichen dies bereits durch manuelle Anpassungen der Insulinabgabe oder der Systemeinstellungen aus, was jedoch mit zusätzlichem Aufwand verbunden ist.

Nach Einschätzung der Forscher:innen könnten zukünftige AID-Algorithmen von einer gezielten Berücksichtigung zyklusabhängiger Muster profitieren. Derzeit stützen sich zugelassene Systeme überwiegend auf Daten der unmittelbar vorangegangenen Tage. Eine Anschlussstudie zur Integration dieser Faktoren in die automatisierte Insulinsteuerung läuft bereits.