Hausärzt:in 6/2026
Ärzt:in Assistenz 2025

Venöse Thromboembolien: Aktualisierte Empfehlungen für Orthopädie und Traumatologie

Zwölf Jahre nach den bisherigen österreichischen Empfehlungen liegt ein neues Konsensuspapier zur Thromboseprophylaxe in Orthopädie und Traumatologie vor. Neun Fachgesellschaften haben aktuelle Evidenz und internationale Leitlinien in praxisorientierte Empfehlungen für den österreichischen Versorgungsalltag übersetzt.

Venöse Thromboembolien (VTE) mit tiefer Venenthrombose (TVT) und/oder Lungenembolie (PE) zählen in Orthopädie und Traumatologie zu den häufigsten potenziell lebensbedrohlichen Komplikationen. Da die österreichischen Empfehlungen aus dem Jahr 2014 aktuelle pharmakologische und nichtpharmakologische Präventionsstrategien nicht mehr ausreichend abbilden, wurden internationale Leitlinien unter Berücksichtigung österreichischer Versorgungsstrukturen adaptiert.

Der neue österreichische Konsensus empfiehlt eine individualisierte Risikoabschätzung unter Berücksichtigung patientenbezogener Faktoren wie frühere VTE, Thrombophilien, aktive Tumorerkrankung, Adipositas, Niereninsuffizienz sowie höheres Alter und relevanter Komorbiditäten. Ebenso sind eingriffsspezifische Risikofaktoren zu berücksichtigen. Ein erhöhtes VTE-Risiko besteht insbesondere bei großen Eingriffen an der unteren Extremität, Hüft- und Beckenchirurgie, Frakturen mit längerer Immobilisation sowie eingeschränkter postoperativer Mobilität.

Die Wahl der Prophylaxe erfordert stets eine Abwägung von Thrombose- und Blutungsrisiko und sollte leitliniengerecht erfolgen. Niedermolekulare Heparine (LMWH) gelten weiterhin als Standard der perioperativen Prophylaxe. Für die Thromboseprophylaxe nach elektiver Hüft- und Knieendoprothetik sind zudem die DOAK Apixaban, Rivaroxaban und Dabigatran zugelassen und etabliert. Vor Verordnung von LMWH oder DOAK ist die Nierenfunktion zu überprüfen. Acetylsalicylsäure (ASS) kann aufgrund der heterogenen Evidenzlage nach Hüft- oder Knieendoprothetik bei Patient:innen mit niedrigem VTE-Risiko im Rahmen eines Fast-Track-Konzepts erwogen werden. Bei zusätzlichen Risikofaktoren sind LMWH oder DOAK jedoch zu bevorzugen.

Ein zentraler Bestandteil der VTE-Prävention sind Frühmobilisation und Fast-Track-Konzepte, da eine rasche Mobilisierung das Thromboserisiko reduziert. Ergänzend können medizinische Thromboseprophylaxestrümpfe und die intermittierende pneumatische Kompression insbesondere bei erhöhtem Blutungsrisiko oder zusätzlich zur medikamentösen Prophylaxe eingesetzt werden.

Die VTE-Prophylaxe ist ein wesentlicher Bestandteil der Patientensicherheit in Orthopädie und Unfallchirurgie. Ziel ist eine risikoadaptierte, evidenzbasierte und praxisnahe Strategie, die thromboembolische und hämorrhagische Risiken ausgewogen berücksichtigt. Zentrale Elemente sind die individuelle Risiko-Nutzen-Abwägung, die patientenzentrierte Umsetzung, die Integration von Fast-Track-Konzepten sowie die Anwendung medikamentöser und mechanischer Maßnahmen im operativen und konservativen Setting.