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Übersterblichkeit während der Pandemie: BMJ zieht kontrovers diskutierte Studie zurück

Die BMJ-Gruppe hat eine viel diskutierte Studie zur Übersterblichkeit während der COVID-19-Pandemie zurückgezogen. Ausschlaggebend waren nicht die zugrunde liegenden Mortalitätsdaten, sondern Kritik an deren Interpretation und an Spekulationen über mögliche Zusammenhänge mit den COVID-19-Impfungen.

Die BMJ-Gruppe hat eine im Jahr 2024 in BMJ Public Health veröffentlichte Studie1 nach zwei Jahren zurückgezogen 2. Die Arbeit einer Forschungsgruppe um Saskia Mostert (Vrije Universiteit Amsterdam) hatte anhand von Daten der Human Mortality Database untersucht, warum die während der COVID-19-Pandemie beobachtete Übersterblichkeit im Jahr 2021 trotz laufender Impfkampagnen in vielen westlichen Ländern anhielt. Dabei wurde in der Diskussion über einen möglichen Zusammenhang zwischen den COVID-19-Impfungen und der anhaltenden Übersterblichkeit spekuliert. Impfkritische Kreise werteten die Publikation daraufhin als Beleg für eine mögliche Schädlichkeit der Impfstoffe.

Die Autor:innen berichteten, dass die Zahl der zusätzlichen Todesfälle von 1.033.122 im Jahr 2020 auf 1.256.942 im Jahr 2021 anstieg. Auch für das Jahr 2022 wurde weiterhin eine erhöhte Sterblichkeit festgestellt. Die zugrunde liegende Human Mortality Database, die von Forschenden der University of California, Berkeley, und des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung aufgebaut wurde, gilt als etablierte und verlässliche Datenquelle. Auch die Berechnung der Übersterblichkeit wurde nicht grundsätzlich infrage gestellt. Die durch die Delta-Variante von SARS-CoV-2 verursachte Infektionswelle in der zweiten Jahreshälfte 2021 zusammen mit dem Ausklingen der Alpha-Welle zu Beginn des Jahres führte zu mehr Todesfällen als die erste Pandemiephase im Frühjahr und Sommer 2020 sowie die Alpha-Welle zum Jahresende 2020.

Kritik richtete sich vielmehr gegen die Interpretation der Ergebnisse im Diskussionsteil der Publikation. Dort verwiesen die Autor:innen unter anderem auf offene Fragen zur Sicherheit von mRNA-Impfstoffen und auf Berichte über mögliche Unterschiede zwischen einzelnen Impfstoffchargen. Zudem bezeichneten sie den zeitlichen Zusammenhang zwischen Beginn der COVID-19-Impfungen und Übersterblichkeit in Deutschland als mögliches Sicherheitssignal, das weiterer Untersuchungen bedürfe.

Nachdem die Studie in sozialen Medien breite Aufmerksamkeit erhalten hatte, leitete das niederländische Princess Máxima Center, an dem drei der vier Autor:innen beschäftigt waren, eine Untersuchung auf Grundlage des niederländischen Kodex für wissenschaftliche Integrität ein.3 Zwei der beteiligten Forschenden beantragten anschließend die Rücknahme der Publikation. Als Begründung nannten sie die Sorge, dass die Ergebnisse fehlinterpretiert werden könnten und dadurch Risiken für die öffentliche Gesundheit entstünden. Die Erstautorin Saskia Mostert beteiligte sich nicht an diesem Antrag.

Nach Bekanntwerden der Untersuchung versah die BMJ-Gruppe die Publikation zunächst mit einer "Expression of Concern", einem formellen Hinweis auf bestehende Bedenken. Die nun erfolgte Retraktion erfolgte nicht aufgrund von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Nach Angaben des Princess Máxima Centers fanden sich weder Hinweise auf Datenmanipulation noch auf Plagiate oder andere Formen vorsätzlichen Fehlverhaltens.

Beanstandet wurde vielmehr die wissenschaftliche Einordnung der Ergebnisse. Nach Auffassung des Princess Máxima Centers entsprachen Teile der Diskussion nicht dem damaligen wissenschaftlichen Konsens. Die Schlussfolgerungen seien teilweise irreführend, selektiv und unverhältnismäßig stark auf mögliche negative Auswirkungen der COVID-19-Impfung fokussiert gewesen. Dieser Einschätzung hat sich die BMJ-Gruppe bei ihrer Entscheidung zur Rücknahme der Studie angeschlossen.