In Wien soll Mitte 2027 die erste Ambulanz für postakute Infektionssyndrome (PAIS) eröffnet werden. Die Einrichtung im Diabeteszentrum Donaufeld in Floridsdorf wird als spezialisierte Anlaufstelle für Menschen mit Erkrankungen wie Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) und Long COVID dienen. Damit entsteht nach Salzburg und dem Burgenland die dritte derartige Einrichtung in Österreich.
ME/CFS ist eine schwere neuroimmunologische Multisystemerkrankung, die von der WHO als neurologische Erkrankung klassifiziert wird. Leitsymptom ist die Post-Exertional Malaise (PEM), eine oft verzögert eintretende und mitunter ausgeprägte Verschlechterung nach körperlicher, kognitiver oder emotionaler Belastung. Belastungssteigerung oder Training können die Beschwerden verschlechtern, empfohlen wird daher ein angepasstes Energiemanagement ("Pacing"). Die Erkrankung tritt häufig nach Virusinfektionen, darunter SARS-CoV-2, auf. Eine kausale Therapie steht derzeit nicht zur Verfügung.
Die Versorgung soll ab Sommer 2027 in einer ersten Ausbaustufe beginnen, der Vollausbau ist für Mitte 2028 vorgesehen. Das Zentrum wird medizinische Diagnostik, Symptommanagement und therapeutische Begleitung auf Grundlage aktueller Leitlinien anbieten. Zielgruppe sind Patient:innen mit mittelschweren bis schweren Erkrankungsverläufen. Voraussetzung für die Vorstellung ist eine bereits gesicherte Diagnose sowie eine Überweisung durch Fach- oder Hausärzt:innen.
Nach Angaben des Wiener Gesundheitsverbunds entstehen rund 20 Vollzeitstellen für medizinische, therapeutische und psychosoziale Fachkräfte. Vorgesehen sind zudem reizreduzierte Räumlichkeiten mit Liegemöglichkeiten sowie telemedizinische Angebote für Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Für die Errichtung des Zentrums sind 6,7 Millionen Euro veranschlagt, die jährlichen Betriebskosten werden auf 3,8 Millionen Euro geschätzt.
Parallel zum Ausbau der Versorgung investiert Wien verstärkt in die ME/CFS-Forschung. Der Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF) vergibt gemeinsam mit der WE&ME Stiftung zwei Consolidation Grants an Forschungsgruppen der MedUni Wien. Mit jeweils rund einer Million Euro handelt es sich um die bislang größten Einzelförderungen für ME/CFS-Forschung in Österreich.
Seit 2024 wurden durch WWTF und WE&ME Stiftung insgesamt rund 3,1 Millionen Euro für ME/CFS-Forschung in Wien bereitgestellt. Neben explorativen Projekten, dem Aufbau einer Biobank und Fellowships für Nachwuchswissenschaftler:innen sollen die aktuellen Förderungen insbesondere zur Etablierung neuer Forschungsgruppen in diesem bislang unterfinanzierten Bereich beitragen. Die Projekte wurden von einer internationalen Expert:innenjury ausgewählt, erstmals waren zudem betroffene Wissenschaftler:innen des internationalen Science4ME-Forums als Patientenvertreter:innen in die Begutachtung eingebunden.
In Österreich leben Schätzungen zufolge 70.000 bis 80.000 Menschen mit ME/CFS. Ein erheblicher Teil der Betroffenen ist in seiner Erwerbsfähigkeit eingeschränkt, viele sind dauerhaft haus- oder bettgebunden.
Eines der geförderten Projekte ist ME-RESET unter der Leitung von Lukas Haider gemeinsam mit Martin Krššák und Kathrin Kollndorfer. Aufbauend auf Vorarbeiten, die Hinweise auf Störungen der zellulären Energieversorgung bei ME/CFS geliefert haben, soll untersucht werden, an welcher Stelle die Energieversorgung von Gehirn und Muskulatur beeinträchtigt ist. Im Fokus stehen mögliche Veränderungen der Mikrozirkulation und der mitochondrialen Funktion. In einer randomisierten Studie sollen Patient:innen mittels Multiorgan-MRT, MR-Spektroskopie und Analysen von Blutbiomarkern untersucht werden. Zudem wird geprüft, ob sich die beobachteten Veränderungen durch eine kontrollierte Sauerstoffzufuhr beeinflussen lassen. Ziel ist die Aufklärung pathophysiologischer Mechanismen, nicht die Entwicklung einer unmittelbaren Therapie.
Das zweite geförderte Projekt unter der Leitung von Matthias Wielscher und Kathryn Hoffmann untersucht, ob sich hinter einem Teil der ME/CFS-Diagnosen bislang unerkannte seltene genetische Erkrankungen verbergen. Hierfür wird eine österreichische Patient:innenkohorte aufgebaut und mittels Ganzgenomsequenzierung analysiert. Unterstützt wird das Vorhaben durch ein neu eingerichtetes "ME/CFS Rare Disease Board", das genetische Befunde bewertet und deren klinische Relevanz einordnet. Ziel ist eine präzisere Diagnostik und eine verbesserte Differenzierung zwischen ME/CFS und genetisch bedingten Erkrankungen mit ähnlicher Symptomatik.