Hausärzt:in 01/2026
Ärzt:in Assistenz 2025

Östrogen beeinflusst Reizdarm

Eine neue Studie fand heraus, dass Östrogen die Schmerzschwelle im Darm verringert. Dies könnte ein Grund dafür sein, dass Frauen dreimal häufiger am Reizdarmsyndrom leiden als Männer.  

Das Reizdarmsyndrom (RDS) stellt eine häufige funktionelle gastrointestinale Erkrankung dar, die primär mit Beschwerden des Dünn- und insbesondere des Dickdarms einhergeht. Es kommt zu diffusen Bauchschmerzen, Blähungen und Veränderungen des Stuhlverhaltens. Gleichzeitig können keine strukturellen Veränderungen am Darm selbst oder biochemische Abnormalitäten nachgewiesen werden.

Frühere Untersuchungen der Arbeitsgruppe zeigten, dass die sogenannten enterochromaffinen Zellen (EC) im Dickdarm an der Entstehung der Schmerzen beteiligt sind und dass die Weiterleitung auf die sensorischen Nerven durch den Neurotransmitter Serotonin erfolgt. Als auslösender Faktor konnte die von Darmbakterien produzierte kurzkettige Fettsäure Isovalerat identifiziert werden.

In weiterführenden tierexperimentellen Studien wurde ein viszerales Schmerzmodell bei Mäusen etabliert, bei dem die Schmerzreaktion durch rektale Luftinsufflation induziert wurde. Nach Ovarektomie normalisierte sich die Schmerzschwelle; umgekehrt führte eine Östrogenexposition bei männlichen Mäusen zu einer gesteigerten Empfindlichkeit.

Im Rahmen der aktuellen Untersuchungen wurden Östrogenrezeptoren in der Darmschleimhaut analysiert. Diese fanden sich nicht auf EC-Zellen, sondern auf benachbarten L-Zellen. L-Zellen produzieren kein Serotonin, sondern verschiedene enteroendokrine Peptide mit metabolischer Funktion, darunter Neuropeptid YY (PYY). Bei ovariektomierten Mäusen führte die Östrogengabe zu einem signifikanten Anstieg der systemischen PYY-Konzentration.

Experimentelle Daten weisen darauf hin, dass L-Zellen funktionell mit EC-Zellen interagieren. Die Autoren postulieren einen möglichen evolutionären Zusammenhang: Die in der Schwangerschaft vermehrt gebildeten Östrogene könnten verhindern, dass die Frauen durch verdorbene Nahrung die Gesundheit ihres ungeborenen Kindes gefährden.

Aus den vorliegenden Ergebnissen ergeben sich potenzielle therapeutische Implikationen für das RDS. Einerseits könnten das Diäten sein, in denen auf im Darm fermentierbare Nahrungsmittel, zum Beispiel Zwiebel, Knoblauch, Honig, Weizen oder Bohnen, verzichtet wird. Auch medikamentöse Interventionen mit Medikamenten, welche Serotonin-Rezeptoren im Darm oder den Rezeptor für PYY hemmen, wären denkbar.