Bluthochdruck stellt sich bei älteren Menschen anders dar als bei jüngeren. Mit zunehmendem Alter verändern sich nicht nur die Ursachen einer Hypertonie, sondern auch Nutzen und Risiken einer antihypertensiven Behandlung. Für hochbetagte, gebrechliche Menschen fehlt nach wie vor belastbare Evidenz, ob und in welchem Ausmaß sich Herz-Kreislauf-Erkrankungen von denen jüngerer Menschen unterscheiden. Diese Versorgungslücke adressiert die multizentrische französische RETREAT-FRAIL-Studie.
An der RETREAT-FRAIL-Studie nahmen 1048 Bewohner:innen von Pflegeeinrichtungen teil. Eingeschlossen wurden Personen ab 80 Jahren mit Frailty, die mehr als ein Antihypertensivum erhielten und einen systolischen Blutdruck von unter 130 mmHg aufwiesen. Die Teilnehmer:innen wurden randomisiert und einer von zwei Behandlungsstrategien zugeteilt. Entweder wurde die bestehende antihypertensive Therapie fortgeführt (Usual Care; n = 520) oder die Medikation nach einem klar definierten Protokoll unter regelmäßiger ärztlicher Überwachung schrittweise reduziert (Step-down; n = 528). Dabei wurden ausschließlich Medikamente reduziert, für die keine andere kardiovaskuläre Indikation bestand. Die geschätzte mediane potenzielle Nachbeobachtungszeit betrug 38,4 Monate.
Bis zur letzten Studienvisite sank die mittlere Standardabweichung der antihypertensiven Medikamente in der Step-down-Gruppe von 2,6 ± 0,7 auf 1,5 ± 1,1 und in der Usual-Care-Gruppe von 2,5 ± 0,7 auf 2,0 ± 1,1. Der adjustierte mittlere Unterschied in der Veränderung des systolischen Blutdrucks betrug zwischen den Gruppen 4,1 mmHg. Todesfälle jeglicher Ursache traten bei 61,7 % der Patient:innen in der Step-down-Gruppe und bei 60,2 % in der Usual-Care-Gruppe auf. Auch hinsichtlich unerwünschter Ereignisse und schwerer kardiovaskulärer Komplikationen zeigten sich keine Unterschiede zwischen den Behandlungsstrategien.
Die Ergebnisse sprechen dafür, dass eine schrittweise Reduktion antihypertensiver Medikamente unter den in der Studie definierten Voraussetzungen sicher sein kann. Weniger Medikamente könnten zudem das Risiko für Wechselwirkungen und die Therapielast verringern.
Die Studienergebnisse sind jedoch kein Freibrief zum pauschalen Absetzen blutdrucksenkender Medikamente. Vielmehr unterstreichen sie die Notwendigkeit, Nutzen und Risiken einer antihypertensiven Therapie regelmäßig neu zu bewerten und die Behandlung an die individuelle Situation älterer Menschen anzupassen. Ein hoher Grad an Gebrechlichkeit ist dabei besonders relevant, da frühere epidemiologische Studien darauf hindeuten, dass gebrechliche ältere Menschen anfälliger für Nebenwirkungen einer antihypertensiven Behandlung sind. Zudem wies die in RETREAT-FRAIL untersuchte Population einen niedrigen systolischen Blutdruck (< 130 mmHg) auf, der bei Hochbetagten ebenfalls mit einer erhöhten Mortalität assoziiert ist.
"Die gleichen Regeln, die für das Verordnen von Medikamenten gelten, müssen auch für deren Absetzen gelten" betont Studienleiter Prof. Dr. Athanase Benetos. Darin sieht der Geriater einen Paradigmenwechsel. Nicht starre Zielwerte sollten im Mittelpunkt stehen, sondern die individuelle Lebenssituation, die funktionelle Gesundheit und die persönlichen Therapieziele älterer Menschen.