Hausärzt:in 10/2026
Ärzt:in Assistenz 2026

KI im Praxisalltag: Wofür Ärzt:innen künstliche Intelligenz nutzen

KI wird zunehmend Teil des klinischen Alltags. Eine aktuelle Analyse von 271 Millionen Anfragen zeigt, dass Ärzt:innen KI vor allem bei Therapie- und Managementfragen einsetzen, während diagnostische Fragestellungen deutlich seltener im Fokus stehen.

Künstliche Intelligenz etabliert sich zunehmend als Werkzeug im medizinischen Alltag. Wie eine aktuelle Analyse der KI-gestützten Informationsplattform OpenEvidence zeigt, greifen Ärzt:innen und andere Gesundheitsberufe vor allem dann auf KI zurück, wenn es um die Wahl und Steuerung von Therapien geht. Diagnostische Fragestellungen spielen dagegen eine deutlich geringere Rolle.

Für die Studie wurden die Nutzungsdaten von 952.008 verifizierten US-Kliniker:innen ausgewertet, die zwischen Januar 2024 und Juni 2026 insgesamt 271 Millionen Anfragen an die Plattform stellten. Die Nutzerbasis wurde dabei klar von Ärzt:innen dominiert: Sie stellten 58,4 % aller Nutzer:innen und waren mit 172,1 Millionen Anfragen für 63,5 % des gesamten Anfragevolumens verantwortlich. Dahinter folgten Nurse Practitioners, Physician Assistants, Apotheker:innen sowie weitere Gesundheitsberufe.

OpenEvidence nutzt große Sprachmodelle, um Antworten auf frei formulierte klinische Fragen zusammenzufassen und mit direkten Quellenangaben zu verknüpfen. Für Ärzt:innen in Deutschland und Österreich steht die Plattform nicht mehr zur Verfügung, nachdem sich OpenEvidence im Frühjahr 2026 aus der EU zurückgezogen hat.

Die Verbreitung der Plattform stieg innerhalb des Untersuchungszeitraums deutlich an. Die Zahl der monatlich aktiven Nutzer:innen erhöhte sich von 355 im Januar 2024 auf mehr als 700.000 im Juni 2026. Gleichzeitig nahm die durchschnittliche Nutzung pro aktiver Anwender:in zu. Die Zahl der monatlichen Anfragen stieg von 18 auf knapp 40 pro Person. Besonders intensiv wurde die Plattform von Nurse Practitioners und Physician Assistants genutzt, die durchschnittlich jeweils 44,5 Anfragen pro aktivem Nutzermonat stellten. Bei Ärzt:innen lag dieser Wert bei 37,1 Anfragen.

Auffällig war die hohe Nutzung durch Ärzt:innen in frühen Karrierephasen. Im Vergleich zu ihrem Anteil an der Gesamtärzteschaft stellten Mediziner:innen innerhalb der ersten zehn Jahre nach Studienabschluss deutlich häufiger Anfragen als erfahrenere Kolleg:innen. Auch Ärzt:innen in Weiterbildung gehörten zu den intensivsten Nutzern. Die Autor:innen vermuten, dass dies sowohl auf eine größere Vertrautheit mit digitalen Werkzeugen als auch auf Veränderungen beim Wissenserwerb zurückzuführen sein könnte. KI-Systeme könnten zunehmend klassische Nachschlagewerke oder Literaturrecherchen ergänzen oder ersetzen.

Die Nutzung unterschied sich deutlich zwischen den Fachrichtungen. Überdurchschnittlich häufig wurde die Plattform von Ärzt:innen der Onkologie und Hämatologie, der Inneren Medizin sowie der Familien- und Allgemeinmedizin verwendet. Deutlich geringer fiel die Nutzung in stärker prozedural geprägten Fächern wie Ophthalmologie, Orthopädie oder Radiologie aus. Interessant ist zudem, dass viele Anfragen fachgebietsübergreifend gestellt wurden. Vor allem in der Notfallmedizin bezogen sich die meisten Fragen auf Themen außerhalb der eigenen Spezialisierung.

Die Auswertung von 38,8 Millionen klassifizierten Anfragen zeigt, dass KI vor allem als Unterstützung bei klinischen Entscheidungen eingesetzt wird. Mehr als die Hälfte aller ärztlichen Anfragen betraf die klinische Entscheidungsfindung. Am häufigsten suchten Ärzt:innen Informationen zu Therapie- und Managementfragen (33,1 %), gefolgt von Arzneimittelinformationen (14,1 %). Diagnostische Fragestellungen machten hingegen nur 13,9 % der Anfragen aus.

Die Daten sprechen damit gegen die oft geäußerte Annahme, KI werde primär als diagnostisches Werkzeug genutzt. Im klinischen Alltag scheint sie derzeit vor allem als schnell verfügbare Informationsquelle für therapeutische Entscheidungen eingesetzt zu werden. Die Studie liefert jedoch keine Aussagen darüber, wie zuverlässig die Antworten der Plattform waren oder ob deren Nutzung die Patientenversorgung tatsächlich verbessert hat. Auch die langfristigen Auswirkungen auf den Erwerb und die Festigung klinischen Wissens sind bislang unklar.

In einem begleitenden Editorial weisen die Autor:innen darauf hin, dass insbesondere die intensive Nutzung durch Ärzt:innen in Weiterbildung näher untersucht werden sollte. Noch sei wenig darüber bekannt, welchen Einfluss KI-gestützte Informationssysteme auf die Entwicklung klinischer Expertise haben.