Die Augenheilkunde sieht sich angesichts der zunehmenden Digitalisierung und der demografischen Entwicklung mit wachsenden Herausforderungen konfrontiert. Darauf wies Herbert Reitsamer, Präsident der Österreichischen Ophthalmologischen Gesellschaft und Vorstand der Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie in Salzburg, bei den Praevenire Gesundheitstagen in Eisenstadt hin.
Besondere Aufmerksamkeit gilt der zunehmenden Verbreitung der Myopie. Für Europa wird bis 2035 eine Prävalenz von rund 60 % bei den unter 30-Jährigen erwartet. Als wesentliche Treiber gelten die zunehmende Bildschirmnutzung und der Rückgang von Aufenthalten im Freien. Die Österreichische Ophthalmologische Gesellschaft spricht sich daher für ein frühzeitiges Myopie-Screening im Kindes- und Schulalter sowie für die Förderung von Outdoor-Aktivitäten aus.
Die Bedeutung der Myopie geht dabei über eine reine Fehlsichtigkeit hinaus. Höhere Myopiegrade sind mit einem erhöhten Risiko für spätere Augenerkrankungen wie Netzhautablösung, Glaukom, Katarakt und myopieassoziierte Netzhauterkrankungen verbunden. Eine frühzeitige Identifikation betroffener Kinder könnte daher künftig weiter an Bedeutung gewinnen.
Neben der Zunahme der Kurzsichtigkeit stellt auch die alternde Bevölkerung die ophthalmologische Versorgung vor Herausforderungen. Mit dem Eintritt der geburtenstarken Jahrgänge in höhere Altersgruppen wird in den kommenden Jahren ein weiterer Anstieg der Kataraktprävalenz erwartet. Die Katarakt zählt bereits heute zu den häufigsten Ursachen für operative Eingriffe im höheren Lebensalter.
Obwohl die früher teils mehrere Monate bis über ein Jahr dauernden Wartezeiten auf Kataraktoperationen mittlerweile reduziert werden konnten, stehen ophthalmologische Einrichtungen weiterhin unter erheblichem Druck. Eine wesentliche Belastung stellt die Versorgung von Patient:innen mit neovaskulärer altersbedingter Makuladegeneration (nAMD) dar. Die Erkrankung erfordert regelmäßig intravitreale Injektionen anti-VEGF-wirksamer Substanzen, was einen hohen personellen und organisatorischen Aufwand verursacht. Nach Angaben von Herbert Reitsamer stoßen selbst spezialisierte Einrichtungen dabei zunehmend an ihre Kapazitätsgrenzen. Als möglicher Lösungsansatz wird die Etablierung spezialisierter Behandlungszentren in enger Zusammenarbeit mit Universitätskliniken und anderen Schwerpunktzentren diskutiert.
Gleichzeitig zeichnen sich neue therapeutische Perspektiven ab. Auch in Österreich wird derzeit eine internationale Phase-III-Studie zu einer gentherapeutischen Behandlung der feuchten altersbedingten Makuladegeneration durchgeführt. Dabei wird ein viraler Vektor subretinal appliziert, um die langfristige Produktion eines antiangiogenen Wirkstoffs im Auge zu ermöglichen. Ziel des Ansatzes ist es, die Behandlungsfrequenz und den Bedarf an wiederholten intravitrealen Injektionen langfristig zu reduzieren. Frühere Studien lieferten Hinweise auf eine anhaltende Wirksamkeit über mehrere Jahre, die nun in einer Zulassungsstudie bestätigt werden sollen.
Mit steigenden Patient:innenzahlen, wachsendem Behandlungsbedarf und neuen, zunehmend spezialisierten Therapieformen dürfte sich die ophthalmologische Versorgung in den kommenden Jahren weiter verändern. Nach Einschätzung von Herbert Reitsamer könnten insbesondere hochkomplexe Behandlungsverfahren künftig zu einer stärkeren Zentralisierung der Augenheilkunde beitragen.