Ältere Menschen entwickeln häufig mehrere chronische Erkrankungen, diese sind meist sehr unterschiedlich, könnten möglicherweise aber einen gemeinsamen Nenner haben. Die Geroscience-Hypothese vermutet ihn in der Anhäufung biologischer Defizite und der Erschöpfung physiologischer Ressourcen. Dazu gehören beispielsweise eine Störung der Energieproduktion in den Mitochondrien, eine verminderte Bereitstellung der Nährstoffe durch den Glukose- und Fettstoffwechsel, eine Alterung der Zellfunktionen sowie eine Zunahme von Entzündungsreaktionen im Körper.
Eine schwedische Studie wertete jetzt Daten aus der Swedish National study on Aging and Care in Kungsholmen- Kohorte aus, und suchte nach Biomarkern. Dafür wurden die Senior:innen alle 6 Jahre medizinisch untersucht. Bei der Erstuntersuchung wurden Blutproben entnommen und 54 Biomarker darin bestimmt. In den folgenden 15 Jahren sind bei den meisten Senior:innen mehrere von 60 verschiedenen chronischen Erkrankungen aufgetreten. Diese können in 5 Muster verteilt werden:
- Das neuropsychiatrische Muster (3,3 % der Teilnehmenden) war durch ältere Menschen mit schwereren körperlichen Behinderungen, vermehrter Polypharmazie und ausgeprägteren kognitiven Beeinträchtigungen gekennzeichnet.
- Das kardiometabolische Muster (9,1 %) zeigte eine mäßige körperliche Beeinträchtigung bei einer gesteigerten Polypharmazie.
- Im Muster "Sensorische Beeinträchtigung und Anämie" (16 %) lagen leichte körperliche Beeinträchtigungen und eine mäßige Polypharmazie vor bei erhaltenen kognitiven Fähigkeiten.
- Das psychiatrische und respiratorische Muster (15,4 %) umfasste jüngere Teilnehmer:innen mit mäßiger körperlicher Behinderung, aber mit kognitiver Beeinträchtigung und mäßiger Polypharmazie.
- Beim 5. unspezifischen Muster (41,2 %) lagen weder körperliche noch kognitive Defizite und auch keine Polypharmazie vor.
Trotz der großen Unterschiede gab es 5 Laborwerte, die bei allen Mustern der Multimorbidität erhöht waren und dies häufig bereits vor der Diagnose der Erkrankungen. Das waren Growth Differentiation Factor 15 (GDF15), Cystatin C, Hämoglobin A1c, Leptin und Insulin.
Die deutlichsten Assoziationen bestanden mit GDF15, einem Stressprotein. Dieser Biomarker steigt bei zellulärem Stress, Entzündungen und mitochondrialer Dysfunktion an. Cystatin C wird in der Labormedizin gelegentlich zur Bestimmung der Nierenfunktion genutzt, wo es das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse und eine erhöhte Mortalität vorhersagt. Hämoglobin A1c, Leptin und Insulin sind bekannte Marker des Glukose- und Fettstoffwechsels.
Zwei weitere Biomarker zeigen Funktionsstörungen in der Leber an: ein Anstieg der Gamma-Glutamyltransferase und ein Abfall von Albumin. Sie waren in der Studie mit einem beschleunigten Verlauf der Erkrankungen verbunden. Auf eine Anfälligkeit für neuropsychiatrische Erkrankungen wies ein Anstieg von Neurofilament light chain hin, der ein Marker für Zellschäden im Gehirn ist. Ein Anstieg von Kreatinin war mit dem Muster "Sensorische Beeinträchtigung und Anämie" sowie mit kardiometabolischen Erkrankungen assoziiert. Bei Senior:innen mit einem unspezifischen Muster war häufig der Hämoglobinwert erhöht.
Die Autor:innen hoffen, dass die Studie die Basis für einen einfachen Bluttest schafft, mit dem Hochrisikopersonen identifiziert werden können, um sie durch eine frühzeitige Behandlung vor weiteren Erkrankungen zu schützen.