Gesund.at: Die Zahl der Krebsüberlebenden steigt stetig. Welche Bedeutung hat das für die Kardiologie?
Univ.-Prof.in Bergler-Klein: In Österreich erkranken jährlich etwa 40.000 bis 50.000 Menschen an Krebs. Je nach Alter, Vorerkrankungen und eingesetzter Therapie entwickeln etwa 10 bis 30 % der Betroffenen kardiale Nebenwirkungen oder weisen bereits vor Beginn der Therapie relevante Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf. Die Onkologie hat sich in den vergangenen Jahren enorm weiterentwickelt. Moderne Chemotherapien, zielgerichtete Therapien, Immuntherapien und verbesserte Bestrahlungstechniken haben dazu geführt, dass mehr Tumorerkrankungen heute heilbar sind oder in vielen Fällen über lange Zeit kontrolliert werden können und damit zunehmend den Charakter chronischer Erkrankungen annehmen. Damit werden Herzinsuffizienz, koronare Herzkrankheit, atherosklerotische Gefäßveränderungen oder andere therapieassoziierte Herz-Kreislauf-Komplikationen zu einem immer wichtigeren Thema. Diese können bereits während der Tumortherapie auftreten, oft aber auch erst Jahre oder Jahrzehnte später.
Genau hier setzt die Kardioonkologie an. Ziel ist es, Herz- und Gefäßkomplikationen möglichst früh zu erkennen und zu behandeln. Es geht nicht darum, onkologische Therapien zu verhindern oder einzuschränken. Im Gegenteil: Die kardiologische Betreuung soll dazu beitragen, dass Patient:innen ihre onkologische Behandlung möglichst vollständig und in der vorgesehenen Dosierung erhalten können.