Psychoedukation

Psychoedukation: Patienten in einer Gruppensitzung
Angehörige können in der Psychoedukation Wissen über den besseren Umgang mit den Betroffenen erlangen. (WavebreakmediaMicro - Fotolia.com)
Wer mehr über seine Krankheit und die Therapie weiß, hat weniger Angst und geht verantwortungsvoller mit sich selbst um. Auf dieser Erkenntnis beruht die Methode der Psychoedukation.

Sie ist eine in der Psychotherapie eingesetzte Maßnahme, die dem psychisch oder körperlich erkrankten Patienten dabei hilft, Experte der eigenen Krankheit zu werden. In Gruppensitzungen bekommen Betroffene detaillierte Informationen rund um das Krankheitsgeschehen und die Therapie. Sie lernen, wie sie sich selbst helfen können, und nicht zuletzt ist auch die Gemeinschaft mit anderen Betroffenen hilfreich. Das Resultat: besserer Umgang mit der Erkrankung, emotionale Entlastung, weniger Stress, bessere Therapietreue. Die Maßnahmen der Psychoedukation sind auch in der Verhaltenstherapie ein wichtiger Aspekt.

Wann nützt die Psychoedukation?

Die Psychoedukation kann bei fast allen psychischen Störungen sowie bei chronischen körperlichen Erkrankungen eingesetzt werden. Auch Angehörige können in der Psychoedukation Wissen über den besseren Umgang mit den Patienten erlangen.

  • Schizophrenie und schizoaffektive Störungen: Die Psychoedukation wurde ursprünglich für Menschen mit Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis entwickelt. Da die Behandlung in diesem Bereich der psychischen Störungen sehr erfolgreich war, wurde sie auch für andere psychische Erkrankungen abgewandelt.
  • Depressionen und bipolare affektive Störungen
  • Belastungs- und Anpassungsstörungen
  • Essstörungen
  • Angst-, Panik- und Zwangsstörungen
  • Persönlichkeitsstörungen
  • Dementielle Erkrankungen
  • Suchterkrankungen
  • Chronische körperliche Erkrankungen: z.B. Rückenschmerzen, Bluthochdruck, Asthma, Diabetes Typ 2. Bei chronischen körperlichen Erkrankungen wird die Psychoedukation in Form von Patientenschulungen und -trainings eingesetzt. So gibt es u. a. spezifische Rückenschulungen, Bluthochdruckschulungen, Asthmaschulungen und Diabetesschulungen.
  • Angehörige: Mit der Psychoedukation von Angehörigen werden die Erfolgschancen für einen günstigen Krankheitsverlauf der Patienten besonders positiv beeinflusst. Bei Patienten mit affektiven Störungen (wie Depressionen und bipolaren affektiven Störungen) ist die Integration der Angehörigen in die Psychoedukationsgruppe besonders zielführend. Denn oft begünstigen die Einstellungen der Familie gegenüber der psychischen Erkrankung Rückfälle des Patienten. Diese können in der Psychoedukation geändert werden und ein besserer Umgang mit der Erkrankung wird erzielt.

Was passiert bei der Psychoedukation?

Psychoedukation erfolgt üblicherweise im Rahmen von Gruppensitzungen, der Ablauf wird spezifisch auf die jeweilige Erkrankung abgestimmt. Selten wird die Psychoedukation auch für einzelne Patienten durchgeführt. Bei körperlichen Krankheiten wird bei Bedarf auch die Selbstbehandlung eingeübt (z.B. Übungen gegen chronische Rückenschmerzen).

Beispiel: Psychoedukation bei Depressionen

In der ersten Gruppensitzung stellt sich der Arzt oder Therapeut vor, der die Psychoedukation leitet. Der organisatorische Ablauf wird geklärt und was die Psychoedukation leistet:

  • Informationsbedürfnis von Patienten/Angehörigen wird befriedigt
  • Die Bereitschaft, sich an die Anweisungen der Ärzte zu halten (=Compliance), wird verbessert
  • Emotionale Entlastung wird erreicht
  • Der Umgang mit der Erkrankung wird verbessert
  • Hilfe zur Selbsthilfe wird dadurch geleistet, dass Sie Experte der eigenen Krankheit werden

Danach werden Regeln für die Zusammenarbeit in der Gruppe festgesetzt, wie die Tatsache, dass die Informationen der anderen Teilnehmer vertraulich zu behandeln sind. Im Anschluss stellen sich die Teilnehmer vor, und die Erwartungen an die Psychoedukation werden besprochen. In jeder Einheit erfahren Sie zudem Wissenswertes über Depressionen. Zu den vermittelten Informationen zählen u.a.:

  • Wie Fühlen, Denken und Handeln bei Depressionen zusammenwirken
  • Die Häufigkeit und die Entstehung von Depressionen in der Bevölkerung
  • Wie Depressionen psychotherapeutisch (z. B. mittels Verhaltenstherapie oder Lichttherapie) oder medikamentös (mittels Antidepressiva wie z. B. Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern oder Trizyklika/Tetrazyklika) behandelt werden können
  • Wie Sie sich selbst helfen können (z.B. durch Korrigieren negativer Gedanken oder der Steigerung angenehmer Aktivitäten im Tagesablauf)
  • Wie Sie mit Selbstmordgedanken umgehen

Bei den weiteren Gruppensitzungen kommt jeweils in der Eröffnungsrunde jeder Teilnehmer zu Wort. An dieser Stelle dürfen Sie über positive Veränderungen oder Probleme und Fragen berichten, die sich in den letzten Tagen aufgetan haben. Besonders die positiven Entwicklungen werden betont. Danach werden die wichtigsten Inhalte aus den vergangenen Sitzungen gemeinsam wiederholt und Sie bekommen weitere Informationen zu den oben aufgeführten Themenbereichen. Die Behandlungseinheiten sind interaktiv gestaltet, sodass Ihre aktive Mitarbeit gefordert ist.

Wann und wie lange kommt Psychoedukation zum Einsatz?

Für die Psychoedukation bei psychischen Erkrankungen gibt es genaue krankheitsspezifische Therapiepläne, die jeweils unterschiedlich intensive Module enthalten und üblicherweise in 6 bis 21 Sitzungen gegliedert sind. Die Psychoedukation wird 1 bis 2 Mal pro Woche durchgeführt. Nach Abschluss des Trainingsprogramms werden oft noch monatliche Informationssitzungen angeboten, um den Therapieerfolg aufrechtzuerhalten.

Was müssen Sie nach der Psychoedukation beachten?

Setzen Sie das, was Sie bei der Psychoedukation gelernt haben, auch im Alltag um. Das bei den Einheiten vermittelte Wissen (z. B. über Tagesplanung/Planung der Schlafzeiten) hilft Ihnen nur, wenn Sie es auch praktisch anwenden.

Wer führt die Psychoedukation durch?

Die Psychoedukation wird in der Regel von Fachärzten oder Psychologen durchgeführt, die Erfahrung in der Behandlung der jeweiligen Erkrankung haben. Eine spezielle psychotherapeutische Ausbildung ist nicht vorausgesetzt.

Kliniken und Einrichtungen, die Psychoedukation bei verschiedensten psychischen und psychosomatischen Erkrankungen anbieten, sind in jedem Bundesland zu finden. Teilweise wird sie in Universitätskliniken oder anderen Kliniken angeboten (z. B. Wien, Graz, Salzburg, Neunkirchen und Wels), teilweise auch von privaten Anbietern oder Einrichtungen wie beispielsweise pro mente und Caritas. In Wien wird regelmäßig Gruppen-Psychoedukation von der Österreichischen Gesellschaft für Bipolare Erkrankungen (ÖGBE) angeboten.

Was können Sie zum Gelingen der Psychoedukation beitragen?

Besonders wichtig ist, dass Sie die Termine wahrnehmen und aktiv bei der Psychoedukation mitmachen. In der Gruppen-Therapie profitieren auch die anderen Teilnehmer davon, wenn Sie Ihre Beschwerden und Symptome formulieren und an der Lösung von Problemen mitarbeiten.

Wo liegen die Grenzen der Psychoedukation?

Psychoedukation sollte nur dann durchgeführt werden, wenn der Patient nicht in einer akuten Erkrankungsphase ist. Wenn gerade eine Depression oder Manie in starker Form vorliegt, kann der Patient die in der Psychoedukation vermittelten Inhalte nicht aufnehmen. Dem Patient sollte es relativ gut gehen und möglich sein, sich zu konzentrieren. Schwere Aufmerksamkeitsstörungen sind generell ein Faktor, der den Nutzen der Psychoedukation stark einschränkt.

Die Teilnahme an Selbsthilfegruppen kann neben der Psychoedukation eine sinnvolle Ergänzung zur Aufarbeitung der Krankheit sein.

Kosten und Krankenkasse

Die Kosten der Psychoedukation werden im ambulanten Bereich selten von der Krankenkasse übernommen. In den Kliniken sind die Plätze oft beschränkt, aber zum Beispiel in Graz wird Psychoedukation auf der Ambulanz der Universitätsklinik für Psychiatrie nach der Anmeldung, die allen offen steht, als Kassenleistung angeboten. In Wien ist der Zugang zur Psychoedukation frei und die Behandlung wird zum Teil von der Österreichischen Gesellschaft für Bipolare Erkrankungen gefördert. Bei der Psychoedukation, die direkt von der ÖGBE angeboten wird, ist ein Unkostenbeitrag von 80 € für 8 Einheiten zu zahlen. Dieser wird für die Bereitstellung der Arbeitsmaterialien verwendet.

Fragen an den Arzt

  • Ist bei meinen Beschwerden/den Beschwerden eines Angehörigen Psychoedukation sinnvoll oder nicht?
  • Wie viele Therapiesitzungen sind geplant?
  • In welchen Intervallen werden die Therapiesitzungen stattfinden?
  • Wie groß wird die Gruppe sein, in der gearbeitet wird?
  • Wie sieht es mit den Kosten aus? Wie viel wird insgesamt für die Therapie anfallen? Gibt es die Möglichkeit der Kostenübernahme durch die Krankenkasse?

Medizinischer Experte

Ao. Univ.-Prof. Dr.

Dr. med. Christian Simhandl

Psychotherapie und Psychotherapeutische Medizin / Psychotherapeut

Lehrpraxis BIPOLAR ZENTRUM Wiener Neustadt

Gesundheitskompass

Quellen

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