Psychoanalyse

Psychoanalyse: Frau liegt auf Couch
Beim freien Assoziieren sagt der Patient in der Psychoanalyse das was ihm gerade durch den Kopf geht. (WavebreakmediaMicro - Fotolia.com)

Ursprünglich von Sigmund Freud zur Behandlung von Neurosen entwickelt, dient die Psychoanalyse heute der Behandlung aller psychischen Störungen. Diese Psychotherapie-Richtung befasst sich mit der Erforschung des Unbewussten, also jenen psychischen Inhalten, die im alltäglichen Leben hochwirksam, aber dem Bewusstsein nicht zugänglich sind.

Es wird davon ausgegangen, dass ins Unbewusste verdrängte kindliche Erlebnisse den aktuellen seelischen Leidenszustand hervorrufen. Diese Konflikte werden durch freies Erzählen ("freies Assoziieren") des Betroffenen und Deutung durch den Analytiker aufgearbeitet. Da diese Behandlungsmethode sehr zeitintensiv ist (3 bis 5 Treffen pro Woche), hat sich auch ein weniger umfassendes Therapieverfahren, das sich von der Freudschen Psychoanalyse ableitet, entwickelt, die psychoanalytisch orientierte Psychotherapie.

Wem nützt die Psychoanalyse?

Jegliche psychische Störungsbilder können psychoanalytisch behandelt werden. Zu den wichtigsten zählen:

Was passiert bei der Psychoanalyse?

Es existieren verschiedene psychoanalytische Schulen (z.B. von Sigmund Freud, Melanie Klein oder Jacques Lacan) und Methoden (z.B. klassische Psychoanalyse, psychoanalytisch orientierte Psychotherapie), die jeweils leichte Unterschiede in Theorie und Praxis aufweisen. Nachfolgend soll die zeitintensivste Form, die klassische Psychoanalyse (nach Freud), beschrieben werden.

Als Patient (Analysand) erzählen Sie dem Analytiker auf der Couch liegend alles, was Ihnen gerade spontan durch den Kopf geht, auch Inhalte, die Ihnen unangenehm sind oder als unwichtig erscheinen. Diese Methode nennt man "freies Assoziieren". Der Analytiker hat die Aufgabe, die Einfälle zu deuten, d. h. er teilt Ihnen den verdrängten Inhalt mit, der letztlich immer mit vergangenen Erlebnissen in Zusammenhang steht. Dabei zeigt sich, dass (früh-)kindliche Erlebnisse und Gefühlsregungen (z.B. den Eltern gegenüber), die ins Unbewusste verdrängt wurden, das gegenwärtige Erleben in einem sehr hohen Maße beeinflussen. Der Analysand gibt dem Analytiker beim freien Assoziieren unbewusst "Hinweise" auf diese verdrängten Inhalte und deren Genese in der Vergangenheit.

Besonders wichtig ist bei dieser Psychotherapie-Richtung der Prozess der "Übertragung". Dabei überträgt der Patient jene verdrängten Inhalte - infantil-sexuelle und aggressive Wünsche - auf den Analytiker, die vom Analytiker Schritt für Schritt benannt und damit dem bewussten Seelenleben zugeführt werden können. Auf diese Weise der Verdrängung entzogen, werden die vormals verdrängten psychischen Inhalte und die an sie geknüpften Affekte Teil eines nun (von Symptomen) befreiteren seelischen Erlebens.

Wann und wie lange kommt die Psychoanalyse zum Einsatz?

Psychoanalytische Behandlungen können dann in Anspruch genommen werden, wenn der Patient neben dem aktuellen Leidenszustand Interesse daran hat, sein Seelenleben genauer zu erkunden. Die klassische Psychoanalyse (z.B. nach Freud) ist eine Langzeittherapie, bei der sich Patient und Analytiker 3 bis 5 Mal pro Woche treffen. Da tiefgreifendere Änderungen und Einsichten beabsichtigt sind als bei anderen psychotherapeutischen Methoden, wird Psychoanalyse meist über mehrere Jahre hinweg angewendet. Bei weniger anspruchsvoller Zielsetzung können mit psychoanalytisch orientierter Psychotherapie, wo die Sitzungen nur 1 bis 2 Mal pro Woche stattfinden, die Symptome auch rascher bekämpft werden. Tiefgreifende strukturelle Änderungen sind dann aber nicht möglich.

Was müssen Sie nach der Psychoanalyse beachten?

Wenn Sie gemeinsam mit dem Therapeuten das Ende der Psychoanalyse beschließen, sollten die ehemals ins Unbewusste verdrängten Konflikte soweit aufgearbeitet sein, dass sie Sie nicht mehr belasten. Ihre Persönlichkeit ist durch die neugewonnenen Einsichten dann so gestärkt, dass Sie unter normalen Umständen auch keine Rückfälle befürchten müssen - außer bei sehr schweren Störungen, den Psychosen, bei denen die Prognose deutlich unsicherer ausfallen muss.

Wer führt die Psychoanalyse durch?

Psychoanalytische Behandlungen werden von Psychoanalytikern und psychoanalytisch orientierten Psychotherapeuten durchgeführt. Diese haben eine umfassende theoretische und praktische Ausbildung im Bereich der Psychotherapie absolviert und sich während der Ausbildung auf eine der staatlich anerkannten psychoanalytischen Methoden - z.B. Psychoanalyse oder psychoanalytisch orientierte Psychotherapie - spezialisiert.

Was können Sie zum Gelingen der Psychoanalyse beitragen?

Da die freie Assoziation das wichtigste Instrument der Psychoanalyse ist, müssen Sie sich darauf einlassen und wirklich alles sagen, das Ihnen gerade in den Sinn kommt. Auch peinliche, scheinbar unbedeutende oder sinnlos erscheinende, unzusammenhängend wirkende Gedanken müssen geäußert werden, mit anderen Worten, die für das Alltagsbewusstsein völlig normalen Kontrollen müssen möglichst aufgegeben werden, damit sich das Unbewusste "artikulieren" und vom Analytiker aufgenommen werden kann. Anfangs wird es schwierig sein, diese innere Abwehr gegenüber gewissen Gedanken und Gefühlen zu überwinden, aber im Verlauf der Therapie wird es Ihnen immer leichter fallen, sich dem Strom der aufsteigenden Gedanken zu überlassen. Zudem ist es wichtig, dass Sie sich an die vereinbarten Termine für die einzelnen Sitzungen halten und das zeitliche und finanzielle Opfer bringen, das einem die Psychoanalyse abverlangt, was leichter fällt, wenn sich erste Erfolge einstellen und der Leidensdruck geringer wird.

Wo liegen die Grenzen der Psychoanalyse?

Je nach psychoanalytischer Schule werden die Grenzen der Behandlungsmethoden anders betrachtet. Während einige Schulen gar keine Einschränkungen sehen, gehen andere davon aus, dass eine psychotische Struktur (wie bei Schizophrenie) nicht verändert, sondern nur eine Linderung der psychischen Beeinträchtigung herbeigeführt werden kann. Bei akuter Suizidgefahr sollten zudem keine belastenden Inhalte, die ein ohnedies brüchiges Ich zusätzlich belasten würden, gedeutet werden. Außerdem ist zu beachten, dass bei schweren psychischen Störungen manchmal eine ergänzende medikamentöse Therapie notwendig ist, die von einem Facharzt verordnet wird.

Einige Konzepte der Psychoanalyse konnten bereits durch die Neurowissenschaften nachgewiesen werden (z.B. der Prozess der Übertragung). Die Erfolgsraten von psychoanalytischen Langzeit-Behandlungen zeigen sich in Studien mittelmäßig bis groß, teilweise sogar größer als bei anderen Psychotherapie-Methoden (z.B. kognitive Verhaltenstherapie). Da psychoanalytische Behandlungen schwer mit anderen Methoden zu vergleichen sind, zeigen sich aber nicht alle Wissenschafter überzeugt von ihrer besonderen Wirksamkeit.

Kosten und Krankenkasse

Für psychoanalytische Behandlungen gibt es sowohl eine beschränkte Anzahl an Kassenplätzen, als auch die Möglichkeit, niedergelassene Wahl-Psychoanalytiker zu besuchen. Soweit von der Kasse vorher bewilligt, wird bei Wahl-Psychotherapeuten ein Teil der Kosten rückerstattet. Derzeit sind das pro Stunde 21,80 Euro, im Schnitt beträgt der vom Patienten zu zahlende Selbstbehalt 50 Euro. Außerdem kann Psychoanalyse privat in Anspruch genommen und finanziert werden, dabei bewegen sich die Stundensätze zwischen 70 und 150 Euro.

Bei der Beratungsstelle des Wiener Arbeitskreises für Psychoanalyse werden für Personen mit sehr niedrigem Einkommen nach Möglichkeit Sondertarife angeboten, oder Behandlungen können über das Ambulatorium der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung unentgeltlich in Anspruch genommen werden (sofern Plätze frei sind).

Fragen an den Arzt

  • Wie unterscheidet sich die Psychoanalyse von der klassischen Psychotherapie?
  • Bei welchen Krankheitsbildern ist eine Psychoanalyse ratsam?
  • Wie muss ich mir so eine Sitzung vorstellen?
  • Wie lange dauert eine psychoanalytische Behandlung?
  • Was kann ich selbst zu einer erfolgreichen Psychoanalyse beitragen?

Medizinischer Experte

Mag.

Dr. Hans Pettermann

Coach, Klinischer und Gesundheits-Psychologe, Supervisor

Psychoanalyse/Psychoanalytische Psychotherapie

Quellen

  • Interview mit Mag. Dr. Hans Pettermann,Psychotherapeut (Psychoanalyse/Psychoanalytische Psychotherapie), Coach, Klinischer und Gesundheits-Psychologe, Supervisor, am 28.05.2014
  • Psychoanalyse: Geschichte, Theorien, Anwendungen, E. List, Facultas Verlag, 1. Auflage, Wien, 2009
  • Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10 Kapitel V (F), WHO/H. Dilling, W. Mombour& M. H. Schmidt (Hrsg.), Verlag Hans Huber, 7. Auflage, Bern, 2010
  • A. Dierckx: Psychoanalytic and psychodynamic therapies: The state of the art, In: Psychiatry 2008, 7:5, S. 212-216
  • S. de Maat, F. de Jonghe, R. Schoevers, J. Dekker: The Effectiveness of Long-Term Psychoanalytic Therapy: A Systematic Review of Empirical Studies, In: Harvard Review of Psychiatry 2009, Vol. 17, Nr. 1, S. 1-23
  • Y. Smit et al.: The effectiveness of long-term psychoanalytic psychotherapy - A meta-analysis of randomized controlled trials, In: Clinical Psychology Review 2012, 32, S. 81-92
  • Psychotherapiegesetz (04.08.2014)
  • Psychoanalytisch orientierte Psychotherapie - POP-Methode (04.08.2014)

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