Untersuchungen bei Kinderwunsch (Mann)

Spermien auf dem Weg zur Eizelle
Das Spermiogramm ist die wichtigste Untersuchung beim Mann bei Kinderwunsch. (Joshua Resnick - Fotola.com )
Dieser Artikel ist Teil des Gesundheitsfensters Kinderwunsch

Bei ungewollter Kinderlosigkeit kostet der Gang zum Arzt Männern oft mehr Überwindung als Frauen. Denn Zeugungsfähigkeit wird oft mit "Männlichkeit" gleichgesetzt.

Um sich den Wunsch nach einer Familie zu erfüllen, sollten Männer aber über ihren Schatten springen und sich an einen Andrologen oder einen Urlogen wenden, die sich auf das Gebiet der männlichen Fruchtbarkeitsdiagnostik spezialisiert haben. Denn unerfüllter Kinderwunsch betrifft immer das Paar als Einheit und nicht den einzelnen Partner. Experten vermuten, dass in etwa 50 % der Fälle kombinierte Probleme auf beiden Seiten vorliegen, wenn ein Paar ungewollt kinderlos bleibt. Deshalb ist nicht nur die Diagnostik bei der Frau, sondern auch beim Mann bedeutsam! gesund.at gibt einen Überblick zu Untersuchungen, die bei Männern mit Kinderwunsch zum Einsatz kommen.

Überblick:

Arztgespräch (Anamnese)

Bei ungewollter Kinderlosigkeit steht allem das vertrauliche Gespräch mit dem Urologen im Zentrum. Dabei werden die bisherige Krankengeschichte und Familienplanung sowie eventuelle sexuelle Probleme thematisiert. Auch über soziale Faktoren und Umwelteinflüsse (z. B. Stress, Rauchen, Alkoholkonsum) wird der Experte mit Männern reden.

Zu den fruchtbarkeitsstörenden Einflüssen gehören etwa

  • Hodenhochstand,
  • Entzündungen der Geschlechts- und Beckenorgane,
  • Verletzungen und Operationen,
  • Allgemeinerkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes

Ergeben sich im Gespräch Hinweise darauf, wird der Arzt entsprechende Untersuchungen veranlassen. Auch vergangene oder laufende medikamentöse Behandlungen, die den Hormonkreislauf des Mannes beeinflussen können, werden erfragt. Nicht zuletzt wird der Arzt auch auf einen ungewöhnlichen Verlauf der körperlichen Entwicklung in der Pubertät sowie Erbkrankheiten in der Familie eingehen.

Körperliche Untersuchungen

An das Gespräch schließt eine allgemeine körperliche Untersuchung an. Zum medizinischen Standard gehört, die Körpergröße und das Körpergewicht zu erfassen und daraus den BMI zu ermitteln, da sowohl Unter- als auch Übergewicht als Ursache einer Fertilitätsstörung infrage kommen. Außerdem tastet der Arzt die Hoden, die Nebenhoden und Samenleiter ab. Gegebenenfalls wird der Mediziner die Hoden, die Prostata und die Harnwege auch noch per Ultraschall untersuchen.

Spermiogramm

Wichtigster Punkt der Abklärung ist das Spermiogramm: Mit dem Ergebnis des Spermiogramms wird die erste Weiche in der Kinderwunschbehandlung gestellt und die Frage beantwortet, ob eine Schwangerschaft auf normalem Weg überhaupt möglich ist. Es ist eine einfache Untersuchung, die deshalb gleich ganz am Beginn der Kinderwunschabklärung stehen sollte. Solange kein Spermiogramm vorhanden ist, sollte keiner Frau eine aufwändige Abklärung zugemutet werden:

  • Spermiogramm: Das Sperma des Mannes wird auf Zeugungsfähigkeit untersucht. Der Samen wird dazu unter dem Mikroskop betrachtet.
  • Fruchtbarkeitsuntersuchung: Bei der Fruchtbarkeitsuntersuchung der Samenflüssigkeit im Labor wird zunächst die Anzahl der Spermien pro Milliliter beziehungsweise die Gesamtzahl der Spermien in der Samenflüssigkeit bestimmt (Konzentration).

Ein Spermiogramm gilt als normal wenn:

  • mehr als 15 Millionen Spermien pro ml vorhanden sind,
  • davon mehr als 32 % vorwärts beweglich und
  • zumindest 4 % der Spermien normal geformt sind.
  • die Flüssigkeitsmenge pro Samenerguss sollte über 1,5 ml liegen
  • zudem wird die Vitalität der Spermien, die Konsistenz, der pH Wert und das Vorhandensein von Bakterien beurteilt

Um besonders aussagekräftige Ergebnisse zu erzielen, sollte vor diesem Samentest der Mann 2-7 Tage keinen Samenerguss (Ejakulation) gehabt haben.

Der Mann gewinnt die Samenprobe meist durch Selbstbefriedigung (Masturbation). In spezialisierten Praxen steht für die Spermagewinnung meist ein "Spenderaum" zur Verfügung. Wenn dies den Mann irritiert, kann die Spermagewinnung aber nach Absprache mit dem Arzt auch zu Hause erfolgen. Egal wie das Ejakulat gewonnen wird: Es muss in einem speziellen Behälter zur Untersuchung transportiert werden, die Männer vom Arzt erhalten.  

Da die Qualität der Spermien schwanken kann, wird ein Spermiogramm in der Regel 2- bis 3 Mal durchgeführt, um einen endgültigen Befund über die Spermaqualität des Mannes zu bekommen. Über all die ermittelten Werte des Spermiogramms wird der Arzt nach der Untersuchung ausführlich mit dem Mann - am besten in Begleitung seiner Frau - sprechen.

Ultraschall

Begleitend zum Spermiogramm, das immer im Rahmen einer urologischen Untersuchung gemacht werden sollte, ist es auch wichtig, die Hoden per Ultraschall zu untersuchen. Das Hodenvolumen kann z.B. aufgrund einer Hormonstörung, einer Entwicklungsstörung oder einer früheren Hodenentzündung vermindert sein.

Außerdem lässt sich per Ultraschall das Gefäßsystem des Hodens untersuchen und etwa eine Krampfader (Varikozele) feststellen. Eine Varikozele kann eine Störung der Zeugungsfähigkeit mitverursachen, sie kann aber gut behandelt werden.

Der Arzt wird per Ultraschall auch die Gewebestrukturen des Hodens und des Nebenhodens genau betrachten, Hodentumore können - wenn auch sehr selten - die Ursache der Zeugungsfähigkei - Störungen sein.

Die Gesamtbeurteilung der Situation erfolgt im ausführlichen vertraulichen Gespräch.

Als Ursache für suboptimale Spermiogramme kommen in Frage:

  • Hodenhochstand oder Pendelhoden
  • bestehende oder abgelaufene Entzündungen
  • Allgemeinerkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes
  • Lifestylefaktoren, hier vor allem das Rauchen

Wenn in der Samenflüssigkeit nur sehr wenige Spermien zu finden sind, sollte auf jeden Fall eine Hormonanalyse und eine genetische Untersuchung durchgeführt werden.

Hormonanalyse

Wenn in der Samenflüssigkeit nur sehr wenige befruchtungsfähige Spermien zu finden sind, wird dem Mann meist zu einer Hormonanalyse geraten, um abzuklären, ob die hormonelle Steuerung der Hodenfunktion gestört ist. Der Hormonstatus wird mittels Blutabnahme bestimmt.

Die Hodenfunktionen - ergo auch die Produktion von Samenzellen - sind abhängig von der Bildung und Ausschüttung bestimmter Hormone. Dazu zählen:

  • das Follikelstimuliernde Hormon (FSH): Es wird in der Hirnanhangdrüse gebildet und steuert die Entwicklung und die Funktion der männlichen Keimdrüsen (Hoden) und die Bildung und Reifung von Samenzellen.
  • das Testosteron: es ist das wichtigste männliche Geschlechtshormon. Es wird direkt im Hoden gebildet und ist somit Ausdruck einer guten Hodenfunktion
  • das Luteinisierende Hormon (LH): Dieses Hormon trägt zur Spermienreifung beim Mann bei und wird in einer Hormonanalyse deshalb standardmäßig mitbestimmt.
  • das Hormon Prolaktin: Ein Ungleichgewicht kann auf eine Erkrankung der Hirnanhangsdrüse hinweisen, die die Bildung von FSH, Testosteron oder LH stören kann und somit auch die Hodenfunktion beeinträchtigen kann.

Hormonbehandlung beim Mann

Eine Hormonbehandlung beim Mann bei ungewollter Kinderlosigkeit führt bei über 80 % der Betroffenen zu einer Normalisierung der Hodenfunktion. So ist bei einem FSH/LH-Mangel die Gabe von fehlenden Hormone sinnvoll. Auch eine Schilddrüsenunterfunktion bzw. eine einer Hyperprolaktinänemie (Konzentration von Prolaktin im Blut erhöht) muss behandelt werden. Eine Testosterongabe bei Testosteronmangel kann aber die Fruchtbarkeit nicht verbessern.

Liegt eine sehr geringe Spermienzahl vor, kann überprüft werden, ob genetische Abweichungen für das Problem verantwortlich sind. Dazu wird eine Blutprobe im Labor kultiviert, die auf genetische Störungen untersucht wird. Insbesondere bei Männern mit weniger als 10 Millionen Spermien pro Milliliter Ejakulat sind diese Untersuchungen sinnvoll.

Genetische Fruchtbarkeitsuntersuchungen

Das Karyogramm (Chromosomenuntersuchung)

Sie ist die "einfachste" genetische Untersuchung, mit deren Hilfe hauptsächlich Chromosomenbrüche bzw. Chromosomentranslokationen aufgedeckt werden. Ein schlechtes Spermiogramm allein ist kein Hinweis auf Chromosomenbrüche. Das Karyogramm wird aber von manchen Genetikern für alle Kinderwunschpaare bei Mann und Frau gefordert (in der Normalbevölkerung kommen diese Brüche bei 1% vor, bei Kinderwunschpaaren sind sie mit 2% doppelt so häufig). Bei Vorliegen von Chromosomenbrüchen ist die Chance schwanger zu werden deutlich reduziert, das Risiko für eine frühe Fehlgeburt meist erhöht. Auch das Risiko für genetische Fehlbildungssyndrome kann dabei erhöht sein.

Ein seltener, spezieller Karyogrammbefund bei extrem schlechten Spermiogrammen ist das sog. Klinefelter Syndrom (im Prinzip gesunde Männer weisen ein zusätzliches X-Chromosom auf).

Molekulargenetische Untersuchungen

Bei extrem schlechten Spermiogrammbefunden (Azoospermie): wenn keine Spermien vorhanden sind kann selten eine spezielle Form der Mukoviszidose die Ursache sein. Daher ist bei Männern mit Azoospermie die genetische Untersuchung auf Mucoviszidose obligat. Sollte dieser Befund positiv sein, muss auch die Partnerin untersucht werden. Ist die Partnerin auch Trägerin eines Mucoviszidosegens, muss in einer genetischen Beratung das Risiko für das geplante Kind besprochen werden. Im Rahmen einer Präimplantationsdiagnostik, die ja in diesen Fällen erlaubt wäre, kann ein Risiko für das Kind ausgeschlossen oder minimiert werden.

Azoospermie-Gen

Selten liegt bei sonst gesunden Männern ein sogenanntes Azoospermie-Gen vor. Die Chance auf eine Schwangerschaft ist dann äußerst gering. Männliche Nachkommen sind dann auch Träger des Gens - man kann sagen, dass somit Unfruchtbarkeit weitervererbt wird.

Hodenbiopsie

Bei dieser Untersuchung wird eine Gewebeprobe (Biopsie) aus den Hoden entnommen. Wenn sich nur wenige oder keine Samenzellen im Ejakulat befinden, lässt sich damit feststellen, ob die Hoden grundsätzlich Spermien produzieren. Ist dies der Fall, können die mit der Hodenbiopsie gewonnenen Samenzellen tiefgefroren werden (Krytonservierung) und damit später eine eventuelle künstliche Befruchtung durchgeführt werden. Damit ist die Hodenbiopsie sowohl Teil der Diagnostik als auch schon der Behandlung einer Fruchtbarkeitsstörung.

  • Autor
  • Redaktionelle bearbeitung Mag. Silvia Feffer-Holik
  • Erstellungsdatum

Medizinischer Experte

OA

Dr. Peter Anton Bauer

Leiter des Kinderwunschteams

KH Oberpullendorf, Abteilung Gynäkologie & Geburtshilfe

Quellen

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