Inkontinenz (Harninkontinenz/Blasenschwäche)

Inkontinenz: Frauen sind häufiger betroffen

Inkontinenz (Harninkontinenz/Blasenschwäche): Nasse Matzratze
850.000 Österreicher sind von einer Art von Inkontinenz betroffen. (Birgit Reitz-Hofmann - Fotolia.com)
Als Inkontinenz wird unfreiwilliger Harnverlust bezeichnet, im Volksmund ist oft von "Blasenschwäche" die Rede. Betroffene haben meist einen hohen Leidensdruck. Harninkontinenz ist ein weit verbreitetes Problem, das aber immer noch tabuisiert wird.

Österreichweit sind etwa 850.000 Menschen davon betroffen, jüngere Frauen leiden 4 Mal häufiger als Männer. Bei älteren Menschen ab 80 Jahren ist die Verteilung ausgewogen. Bei der Harninkontinenz gibt es verschiedene Formen, die häufigste ist die sogenannte Stress- oder Belastungsinkontinenz. Die Harninkontinenz-Ursachen sind vielfältig. Die Bandbreite an Therapien richtet sich nach der Art der Harninkontinenz und reicht von Beckenbodentraining bis hin zu medikamentöser und operativer Therapie.

Häufigkeit

850.000 Österreicher sind von einer Art von Inkontinenz betroffen, Frauen häufiger als Männer. 60.000 Kinder erleben regelmäßig unfreiwilligen Harnverlust (Enuresis nocturna) in der Nacht.

4 Arten von Harninkontinenz

Man unterscheidet 4 Arten von Harninkontinenz, die auch kombiniert auftreten können:

  • Belastungsinkontinenz: Häufigste Form der Harninkontinenz, bei der die Harnröhre zu schwach ist, um dem Druck der Blase standzuhalten.
  • Dranginkontinenz: Ihre Ursache liegt in einer Überfunktion des Harn-Blasenmuskels. Das ist jener Muskel, der aktiviert wird, wenn wir den Harn aus der Blase ausscheiden wollen. Zieht sich dieser Muskel zusammen, verspüren die Betroffenen einen starken Harndrang, und es kann zu unwillkürlichem Harnverlust kommen, noch ehe man die Toilette erreicht hat.
  • Überlaufinkontinenz: Chronische Harnretention mit Inkontinenz. Das Typische an der Überlaufinkontinenz: Die Blase ist voll und entleert sich aber nur "tröpfchenweise", d. h. der Betroffene kann trotz Harndrangs die Blase nicht entleeren.)
  • Neurologische Blasenentleerungsstörungen: Diese können verschiedene Ursachen haben, wie Diabetes mellitus, Schlaganfall, Querschnittlähmung oder Multiple Sklerose, etc.

So arbeitet die Harnblase

Unsere Harnblase hat im Wesentlichen 2 Aufgaben:

  • Sie speichert den Harn.
  • Sie entleert den Harn während der Entleerungsphase.

Die Harnblase (medizinisch "Detrusor") ist ein Hohlmuskel, der mit einer speziellen Schleimhaut ausgekleidet ist. Der Schließmuskel (medizinisch "Sphinkter") umgibt den Blasenausgang und garantiert so, dass ein Entleeren nur dann möglich ist, wenn wir das auch möchten.

In der Speicherphase füllt sich die Harnblase mit Urin. Bei einer erfolgreichen Blasenentleerung zieht sich der Hohlmuskel zusammen und der Schließmuskel öffnet sich gleichzeitig. Der Speichervorgang erfolgt ohne großen Druck, die Blase bleibt entspannt. Funktioniert aber der Schließmuskel nicht mehr oder wird die Blase überaktiv, kommt es zu ungewolltem Harnverlust, man spricht von "Inkontinenz".

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Mögliche Gründe für Harninkontinenz

Neben einer Überaktivität der Blase oder einem nicht intakten Schließmuskel kann auch die Schaltzentrale im Gehirn "schuld" daran sein, wenn eine Inkontinenz auftritt. Zwischen Gehirn und Harnblase besteht eine Nervenverbindung über das Rückenmark. Erreicht die Flüssigkeitsmenge in der Blase etwa 300 ml, schickt die Blase an das Gehirn über Nervenbahnen Signale, die darauf hinweisen, dass die Blase zu entleeren ist. Im Falle einer gesunden Funktion von Schaltzentrale und Harnblase kann man den Harndrang kontrollieren, erkennen, steuern, die Blase willkürlich entleeren oder den Drang auch eine Zeitlang unterdrücken. Sind jedoch Schaltzentrale oder Nervenbahnen aufgrund von neurologischen Erkrankungen defekt, kann es sein, dass auch die Signale zum Entleeren bzw. Nicht-Entleeren nicht mehr funktionieren.

Die Belastungsinkontinenz und die Dranginkontinenz sind die am häufigsten auftretenden Arten der Inkontinenz. Eine Kombination aus Belastungsinkontinenz und Dranginkontinenz wird als Mischinkontinenz bezeichnet.

Harninkontinenz bei Frauen

Dass Frauen 4 bis 5 Mal häufiger an Inkontinenz leiden als Männer, liegt in ihrer Natur: Schwangerschaft, Geburten, eine mit den Jahren erschlaffende Muskulatur des Beckenbodens und hormonelle Faktoren sind die häufigsten Ursachen. Die Belastungs-Inkontinenz, früher auch als "Stress-Inkontinenz" bezeichnet, tritt beim Husten, Niesen, Lachen oder Heben schwerer Lasten auf. Je älter die Frau, desto eher nimmt in der Folge auch die Drang-Inkontinenz zu. Mediziner sprechen von dieser Form, wenn die Blase überaktiv ist.

Inkontinenz bei Männern

Von Belastungs- und Dranginkontinenz sind vor allem Männer betroffen, die an einer Verletzung des Schließmuskels leiden oder die an der Prostata operiert wurden. In diesem Fall kann eine Schließmuskelschwäche, z. B. nach einer Prostatakrebs-Operation, zu einer Belastungsinkontinenz führen. Unmittelbar nach der Operation ist das Leiden stark manifest, klingt aber in der Regel innerhalb eines Jahres ab. Etwa 10 % der Betroffenen leiden auch nach einem Jahr noch an Inkontinenz, was einen erheblichen Leidensdruck verursacht, vor allem wenn es sich um jüngere Männer handelt. Generell kann eine vergrößerte Prostata Beschwerden hervorrufen, und Betroffene leiden häufig an einer überaktiven Blase und auch Restharnbildung.

Ältere Menschen

Die häufigste Form bei älteren Menschen ist die Drang-Inkontinenz, die hauptsächlich drei Ursachengruppen aufweist:

  • Die Schaltzentrale im Gehirn funktioniert nicht mehr so wie früher.
  • Krankhafte Prozesse im unteren Harntrakt, wie etwa chronische Blasenentzündung, Blasensteine, Tumore oder eine vergrößerte Prostata.
  • Die Alterung der Blase kann zu einer Drang-Inkontinenz führen.

Diese Art der Inkontinenz findet sich bei Frauen und Männern im höheren Alter im gleichen Maße.

Etwa 10 % aller Menschen in Altenheimen leiden an einer Überlauf-Inkontinenz, welche sofort ärztlich behandelt werden muss. Ursache dafür ist eine schwache Blase oder ein erhöhter Widerstand am Ausgang der Harnblase. So kann etwa eine vergrößerte Prostata am Ausgang der Blase die Harnröhre beeinträchtigen.

Inkontinenz im Schlaf

Eine Sonderform der Inkontinenz ist die Enuresis nocturna. Das sind unfreiwillige Blasenentleerungen während des Schlafes, von der meist Kinder ab dem 5. Lebensjahr betroffen sind, aber auch 1 % der Erwachsenen. In Österreich sind 60.000 Kinder - Buben häufiger - betroffen. Diese Form des unfreiwilligen Harnverlustes tritt aufgrund einer Reifungsstörung der noch nicht ganz ausgereiften Nervenstrukturen bei fast 20 % aller Kinder auf. Bei Erwachsenen kann diese Reifestörung genetisch bedingt sein. Gründe für die Enuresis können ein noch nicht ausgereifter Ausschüttungsrhythmus des antidiuretischen Hormons (es steuert tageszeitabhängig die Konzentrationsfähigkeit des Harns in den Nieren, um das Durchschlafen zu ermöglichen) oder psychische Faktoren sein. Auch genetische Faktoren oder ein nicht ausgereiftes Weckzentrum stehen als Verursacher im Verdacht.

Diagnose

In einem Arzt-Patienten-Gespräch fragt der Arzt, seit wann, wie oft und wie stark die Inkontinenz besteht, ebenso nach Erkrankungen und Operationen und über die derzeitige Einnahme von Medikamenten. Einige Erkrankungen und Operationen haben Auswirkungen auf die Blasen- oder Darmfunktion. Es ist für den Arzt sehr wichtig, von dieser Vorgeschichte zu erfahren. Als Basis für die Befragung kann auch eine Dokumentation dienen, das sogenannte Miktionsprotokoll. Mit Hilfe dieser Aufzeichnungen erhält der Arzt Informationen über die Blasenentleerungsgewohnheiten und die Blasenfüllmengen. Bei Frauen umfasst die Diagnostik gegebenenfalls auch eine gynäkologische Untersuchung. Eine Untersuchung des Unterbauchs, ein Harnbefund durch das Labor und Restharnbestimmung (sie erfolgt schmerzfrei durch Ultraschall) sind die ersten Schritte in der Diagnostik. Erst bei verdächtigen Erstbefunden sind evtl. eine Blasenspiegelung oder eine Blasendruckmessung erforderlich.

Beim ersten Tropfen unfreiwilligen Harnverlustes sollte man eine professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Werden die Symptome nämlich frühzeitig behandelt, können sie oft schon sehr rasch zum Abklingen gebracht werden.

Therapie

Bei Drang-Inkontinenz ist im ersten Schritt eine Beseitigung von Risikofaktoren empfohlen. Eine Reihe von Medikamenten ermöglicht es auch, dass der Drang steuerbarer und kontrollierbarer wird. Medikamente sollten aber nie allein verabreicht werden, sondern immer in Kombination mit einem Blasentraining. Dabei werden neue Verhaltensmuster trainiert: Tritt überfallsartig Harndrang auf, so sollte der Betroffene nicht zur Toilette eilen, sondern versuchen, durch Konzentration und Anspannen des Beckenbodens den Drang zu überwinden. Die Welle des Dranges ebbt normalerweise nach etwa 20 Sekunden wieder ab. Erst dann sollte man zur Toilette gehen.

Gegen Belastungsinkontinenz empfiehlt sich ein Beckenbodentraining. Wichtig ist es, zu lernen, den richtigen Muskel zur richtigen Zeit anzuspannen. Darüber hinaus gibt es auch Medikamente, die den Schließmuskel stärken. Eine weitere Therapie-Option ist eine Operation, bei der ein Kunststoffband unter die Harnröhre gelegt wird, um deren Schwäche zu beseitigen. Stammzellen bieten künftig neue Therapie-Ansätze, allerdings nur für Betroffene mit Belastungsinkontinenz infolge einer Schließmuskelschwäche.

Die Therapie für Überlauf-Inkontinenz richtet sich nach der Ursache der Erkrankung. Hier muss der Spezialist in jedem Fall individuell vorgehen und die Ursachen abklären.

Biofeedback ist vor allem in Kombination mit Beckenbodentraining effizient. Biofeedback misst körperliche Veränderungen einer trainierenden Person und gibt diese Informationen als Feedback zurück. Bei Harninkontinenz hat sich die Methode als hilfreich erwiesen.

Elektrostimulation wird meist bei Belastungs-, Drang- und Mischinkontinenz angewendet. Dabei wird der Beckenboden durch Elektrostimulation in Kontraktionen versetzt. Studien zufolge ist diese Methode so effektiv wie Beckenbodentraining.

Behandlung der Enuresis nocturna

Zunächst sollte das Bewusstsein geschärft werden, dass es sich bei Kindern um ein soziales, weniger um ein medizinisches Problem, mit unterschiedlich großem Leidensdruck handelt. Wichtig ist es, nach Absprache mit dem Arzt ein Miktionsprotokoll zu führen. Darin werden unter anderem Gewohnheiten, Harnmengen, Entleerungszeiten etc. aufgezeichnet, bzw. wird dem Kind Wesentliches über Trinkgewohnheiten und Toilettengänge vermittelt. Erst nach erfolglosen Maßnahmen können weitere Schritte hilfreich sein, wie etwa eine medikamentöse Behandlung oder eine Verhaltenstherapie. Auch eine Alarmtherapie ist eine therapeutische Möglichkeit, bei der die Kinder beim Einnässen aufgeweckt werden, um so den Miktionsdrang bewusst zu verspüren und zu steuern. Die medikamentöse Behandlung sieht entweder Hormongaben vor, die dazu führen, dass der Körper normale Nachtharnmengen produziert, und/oder pharmazeutische Substanzen (Anticholinergika), sodass die Blasenkapazität erhöht wird. Die Medikamentengabe erfolgt so lange, in der Regel etwa 6 Monate, bis der kindliche Körper das entsprechende Hormon selbst in ausreichender Menge produzieren kann.

Medikamente

Die wichtigsten Medikamente zur Behandlung von Inkontinenz:

Antimuskarinika, auch Anticholinergika genannt, wirken auf die Acetylcholinrezeptoren ein und blockieren den körpereigenen Neurotransmitter Acetylcholin, welcher unwillkürliche Muskelkontraktionen im vegetativen Bereich verursacht. Die Anticholinergika Darifenacin, Fesoterodin, Oxybutynin, Propiverin, Solifenacin, Tolterodin und Trospiumchlorid werden bei überaktiver Blase empfohlen. Allerdings steht Oxybutynin im Verdacht, kognitive Dysfunktionen zu begünstigen. Für meist ältere Betroffene mit mentalen Einschränkungen ist daher Trospiumchlorid besser geeignet. Auch Botulinum-Toxin kann eine Dranginkontinenz bessern.

Duloxetin (ein Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer) ist hilfreich bei Belastungsinkontinenz. Es verringert den Harndrang und steigert die Nervenaktivität im Harnblasenbereich sowie die Kontraktionskraft des Schließmuskels. Eine neue Therapieoption ist die periphere Tibialis-Nerven-Stimulation (pTNS). Sie aktiviert Nervenareale, die die Harnentleerung steuern, und wird laut EAU in erster Linie für 50- bis 65-Jährige empfohlen.

Was man selbst tun kann

Bei Frauen empfiehlt sich ein Beckenboden-Training während der Schwangerschaft und nach der Geburt, jedoch nur unter fachkundiger Anleitung von Physiotherapeuten. Generell ist geistige und körperliche Fitness aber eine ausgezeichnete Prophylaxe, die es älteren Menschen ermöglicht, kontinent zu bleiben. Wichtig ist es auch, Risikofaktoren wie Übergewicht, Rauchen oder chronische Verstopfung zu beseitigen.

Fragen an den Arzt

  • Ist eine Harninkontinenz mit zunehmendem Alter unvermeidlich?
  • Gibt es auch Formen von „vorübergehender“ Inkontinenz?
  • Wie kann ich Harnblase und Harnröhre stärken?
  • Ist Inkontinenz grundsätzlich heilbar?

Weiterführende Informationen

Medizinischer Experte

Dr. Dara S. Lazar

Urologie

Leiterin des Fachambulatoriums für Urologie des Heeresspitals Wien / Wahlärztin im Ordinationszentrum der Privatklinik Döbling

Quellen

ICD-10: R39.3, N39.4, R32

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