Hypoglykämie

Frau liegt am bewusstlos am Boden, eine jüngere beugt sich über sie
Eine Unterzuckerung kann im schlimmsten Fall zu einer Bewusslosigkeit führen. (Robert Kneschke - Fotolia.com)
Dieser Artikel ist Teil des Gesundheitsfensters Diabetes

Eine Hypoglykämie stellt für Diabetiker die häufigste "Nebenwirkung" der blutzuckersenkenden Therapie dar und ist immer eine bedrohliche Situation.

Von Unterzucker spricht man, wenn der Blutzuckergehalt im Blut auf unter 50 mg/dl (2,8 mmol/l) sinkt. Typische Symptome sind Zittern, starkes Schwitzen, Herzklopfen, Sehstörungen und Krämpfe bis hin zur Bewusstlosigkeit. Je nach Schweregrad der Unterzuckerung kann sich der Diabetiker entweder durch die Einnahme von Traubenzucker selber helfen oder ist auf die Hilfe von Mitmenschen oder eines Arztes angewiesen. Um die Ursachen wie zu hohe Insulingaben besser zu verstehen und den richtigen Umgang mit Hypoglykämien zu erlernen, werden Diabetikern spezielle Schulungsprogramme empfohlen. Das Gegenteil einer Hypoglykämie ist eine Hyperglykämie (zu hoher Blutzuckerspiegel).

Überblick 

Hypoglykämie: Häufigkeit

Im Durchschnitt kommt es bei Diabetes 1 bis 2 Mal pro Woche zu leichten Hypoglykämien, wobei am häufigsten Typ-1-Diabetiker und mit Insulin behandelte Typ-2-Diabetiker davon betroffen sind. Generell gilt, je länger die Erkrankung besteht und je älter der Betroffene ist, desto höher ist das Risiko für Unterzucker.

Ursachen einer Hypogklykämie 

Von Hypoglykämie spricht man bei einem Blutzuckerwert von unter 50 mg/dl (2,8 mmol/l). Sind die Faktoren, die den Blutzucker senken (Insulin, blutzuckersenkende Medikamente), stärker als jene Faktoren, die den Blutzucker erhöhen (Nahrung oder Zucker, der im Körper neu gebildet wird), kommt es zu einer Hypoglykämie.

Folgende Faktoren können eine Unterzuckerung verursachen:

  • Eine zu hohe Dosis von Insulin oder Blutzucker-senkenden Medikamenten (Sulfonylharnstoffe, Glinide)
  • Das Auslassen einer Mahlzeit
  • Starke körperliche Belastung oder Sport bei gleichbleibender Insulin- oder Medikamentendosis
  • Ein zu langer Abstand zwischen Insulininjektion und Nahrungsaufnahme
  • Alkohol (v.a. am Abend kann zu Unterzucker in der Nacht führen!)
  • Magen-Darm-Infekte (Durchfall, Erbrechen)
  • Nierenerkrankungen
  • Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
  • Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung

Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung

Manche Diabetiker können die ersten Anzeichen einer Unterzuckerung nicht mehr richtig oder nur noch eingeschränkt wahrnehmen. Diese Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung kommt überwiegend bei Diabetikern vor, die bereits häufig Unterzucker hatten. Dadurch sinkt die Schwelle, bei der jene Hormone freigesetzt werden, die der Unterzuckerung entgegenwirken sollen. In Folge werden auch die (vom Adrenalin ausgelösten) Warnsymptome gar nicht oder zu spät wahrgenommen. Diese Patienten sind besonders häufig von schweren Hypoglykämien betroffen und daher auf fremde Hilfe angewiesen.

Nächtliche Hypoglykämien

Hypoglykämien können auch nachts auftreten, werden allerdings meistens nicht bemerkt und regelrecht "verschlafen". Ein durchnässter Schlafanzug, feuchte Bettwäsche, Schwindel oder das Gefühl, unausgeschlafen zu sein, könnten Anzeichen für nächtlichen Unterzucker sein. Bei Verdacht ist es ratsam, auch nachts etwa zwischen 2 und 3 Uhr den Blutzucker zu messen. In jedem Fall sollte mit dem Arzt darüber gesprochen werden, um die Ursachen zu finden und zum Beispiel durch eine Anpassung der Medikamentendosis Hypoglykämien in der Nacht zu vermeiden.

Symptome einer Hypoglykämie 

Die häufigsten Symptome können je nach Schweregrad des Unterzuckers vielfältig sein und unterteilen sich in 2 Gruppen:

Hormonelle Symptome

Der Körper versucht, den Blutzucker selbst ansteigen zu lassen:

  • Schwitzen/Schweißausbrüche, Zittern, Herzklopfen, Blässe
  • Kribbeln in den Fingern oder Lippen
  • Angstgefühle
  • Hungergefühle, Heißhunger

Symptome, die durch den Zuckermangel im Gehirn ausgelöst werden:

  • Bewegungsstörungen, Sprachstörungen
  • Störungen in der Wahrnehmung, z.B. Sehstörungen
  • Gefühlsstörungen: gereiztes, albernes oder aggressives Verhalten
  • Denkstörungen: schlechte Konzentration, Verwirrung, Gedächtnisstörungen
  • Alpträume in der Nacht
  • Schwächegefühl, Müdigkeit

Hypoglykämie: Wie soll man handeln?

Damit der Blutzucker nicht weiter sinkt und zu einer lebensbedrohlichen Situation führt (diabetische Ketoazidose), muss bei den ersten Anzeichen einer Unterzuckerung rasch reagiert werden:

Ist der Betroffene selbst noch in der Lage, müssen sofort schnell wirksame Kohlenhydrate, zum Beispiel Traubenzucker oder zuckerhaltige Getränke wie Apfelsaft oder Cola zugeführt werden (Keine Diät- oder Lightprodukte).

Bei schweren Hypoglykämien sind Betroffene nicht mehr in der Lage, sich selbst zu helfen bzw. sind sie bereits bewusstlos und daher auf fremde Hilfe angewiesen. Treten schwere Unterzuckerungen häufig auf, ist die Schulung der Angehörigen im Umgang damit sinnvoll - insbesondere die Anwendung von Glukagon-Spritzen sollte ihnen vertraut sein.

Folgende 6 Maßnahmen müssen in einer akuten Unterzucker-Situation eines Diabetikers getroffen werden:

  1. Verständigen Sie den Notarzt!
  1. Ist der Patient noch bei Bewusstsein, geben Sie ihm so schnell wie möglich Traubenzucker oder ein zuckerhaltiges Getränk (keine Diät- oder Lightprodukte)
  1. Ist der Betroffene bereits bewusstlos, bringen Sie ihn in die stabile Seitenlage und halten Sie die Atemwege frei.
  1. Versuchen Sie auf keinen Fall, einem Bewusstlosen Getränke einzuflößen. (Erstickungsgefahr!)
  1. Trägt der Betroffene ein Glukagon-Notfallset bei sich, können auch geschulte Angehörige das Glukagon unter die Haut bzw. in den Muskel spritzen.
  1. Um eine erneute Unterzuckerung zu vermeiden, sollte im Anschluss eine Kleinigkeit (Scheibe Brot) gegessen werden, um den Blutzuckerspiegel zu stabilisieren.

Hinweis

Bewusstlosigkeit bei Diabetikern kann sowohl von Unterzucker als auch von Überzucker (Ketoazidotisches Koma, diabetisches Koma) ausgelöst werden. Gefährlicher ist jedoch der Unterzucker, deshalb sollte im Zweifel immer Zucker und niemals Insulin verabreicht werden!

Diagnose einer Hypoglykämie 

Typische Symptome und die Krankengeschichte des Patienten (Anamnese) deuten auf eine Unterzuckerung hin.

Um eine Hypoglykämie eindeutig zu diagnostizieren, wird festgestellt, ob folgende 3 Punkte zutreffen:

  • Zuckerspiegel im Blut von unter 50 mg/dl (2,8 mmol/l)
  • Typische Symptome einer Unterzuckerung
  • Symptome können durch Zufuhr von Glukose beseitigt werden

Therapie der Hypoglykämie 

Neben den erwähnten Sofortmaßnahmen in der akuten Situation der Unterzuckerung sollte nach gehäuftem Auftreten von Hypoglykämien nach den Ursachen geforscht werden. Häufig werden Behandlungsfehler, eine Änderung der medikamentösen Therapie oder besondere Lebensumstände festgestellt, die zu der Unterzuckerung geführt haben könnten und die in Zukunft vermieden werden können.

Es ist daher unbedingt notwendig, dass der behandelnde Arzt den Diabetiker ausreichend informiert und im Idealfall eine Diabetikerschulung für den Betroffenen und Angehörige empfiehlt.

Hypoglykämie: Was kann der Betroffene zusätzlich tun?

Diabetiker, die häufig an Unterzucker leiden, sollten:

  • statt wenigen großen Mahlzeiten lieber kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt zu sich nehmen
  • immer ein Päckchen Traubenzucker bei sich tragen
  • wenig Alkohol trinken
  • vor dem Sport Nahrungsaufnahme und Insulindosis anpassen
  • Evtl. auch nachts den Blutzucker messen

Wichtig ist es auch, Diabetesschulungen zu besuchen, um die Therapie richtig anzuwenden.

Fragen an den Arzt

  • Ich bemerke Abweichungen bei meinen Blutzuckermessungen. Was kann ich dagegen tun?
  • Was kann ich tun, wenn ich bei Unterzuckerung keine Symptome mehr bemerke?
  • Meine Tagesabläufe sind oft recht unterschiedlich. Auf was muss ich achten?
  • Ich habe einen Urlaub geplant. Welche Nahrungsmittel darf ich zu mir nehmen?
  • Welchen Sport kann ich betreiben, wenn ich zu Unterzuckerung neige?

Weiterführende Informationen

  • Autor
  • Redaktionelle bearbeitung Mag. Silvia Feffer-Holik
  • Erstellungsdatum

Medizinischer Experte

Prof. Priv. Doz.

Dr. Arnulf Ferlitsch

Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologie und Hepatologie, Internistische Intensivmedizin

Medizinische Universität Wien Abt. f. Gastroenterologie und Hepatologie

Quellen

ICD-10: E10, E11, E14, E15, E16

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