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Allein: Life-Balance

Frau streckt beide Arme dem Himmel entgegen
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Allein zu sein hat eine heilende Wirkung: Gönnen Sie sich kleine Fluchten aus dem Alltag ins Innere des Selbst. (Pexels.com)

Dieser Artikel ist Teil des Gesundheitsfensters GESUND IM WALDVIERTEL

Eine Woche Klosterleben. Das ist es, was viele ausgebrannte Zeitgeister sich am liebsten verordnen würden. Keinen Wellness-Urlaub mit luxuriösem Beauty-Programm, keinen Kinderurlaub mit der fünfköpfigen Familie. 

Auszeit in Ruhe. Schlicht und einfach Alleinsein, denn es stärkt, heilt und gibt den Blick auf Wesentliches frei. Es gibt sie in leistungsorientierten Unternehmen, in der Schule, am Bau oder in der Küche: Ausgebrannte Menschen, die sich nach einer Auszeit, nach dem Alleinsein sehnen. Dreifachbelastete Mütter, flotte Singles und "Normalsterbliche", die in unserer kommunikativen Zeit an die Grenzen ihrer Belastbarkeit rücken, sehnen sich nach Freiraum. Ganz allein.

Alleinsein: Auswirkungen auf die Partnerschaft

Alleinsein. Ein Wunsch, der sich – bleibt er unerfüllt – nicht gerade glücklich auf die Partnerschaft auswirkt: "Ich habe unsere Ehe in der letzten Zeit als erdrückend erfahren", gesteht Norbert, 34, seit 5 Jahren glücklich mit Annamaria verheiratet, "die permanente Nähe, das ständige Diskutieren und Zerreden von Problemen, das ewige Aufeinander-Reagieren und -Interagieren hat mir all meine Energie genommen", sagt Werner. Er hat sich kurzerhand ein halbes Jahr karenzieren lassen und hat - mit Annas Einverständnis - einen Lehrauftrag an einer US-Universität angenommen. "Ego-Schwein", lautete der Tenor. Aber auch Anna hat die Zeit genützt, mehr für sich zu tun: soziale Kontakte, Entspannung, Weiterbildung - all das ließ sich für sie in dieser Zeit leichter planen. Seit Norbert wieder zu Hause ist, ist er verändert. Positiv verändert, weil er um eine Erfahrung reicher ist. "Es war eine tolle Erfahrung, zu wissen, dass sie da ist, auch wenn sie physisch nicht anwesend war", beschreibt er die Zeit der Trennung. Viele seiner Freunde bewundern das Paar für diesen Schritt. Das Alleinsein - in welcher Ausprägung auch immer - ist für das Ego und seine Beziehung zur Umwelt enorm wichtig.

Alleinsein: Ein Grundbedürfnis

"Die Bedürfnisse nach Rückzug werden heute drastisch vernachlässigt", weiß Gesundheits- und klinische Psychologin Mag. Brigitte Benczak aus der Praxis. Interaktion und Kommunikation mit Kindern wird überbewertet - wer nicht ständig mit seinem Kind spielt oder ein Rundum-Animationsprogramm bzw. in Schulzeiten einen prallgefüllten Aktiv-Stundenplan in der Tasche hat, trägt das Attribut der "schlechten Eltern". Brigitte Benczak: "Da versucht man, Kinder im Tanz, in Französisch, im Klavierspielen, im Tennis, Zeichnen oder kreativer Gestaltung zu fördern, vergisst dabei jedoch völlig auf deren Ur-Bedürfnis: manchmal auch allein zu sein. Sich die ganz geheime Fantasie-Spielwelt aufzubauen." Das Bedürfnis des Völlig-Allein-Seins wird also auch im Alter des Heranwachsens unterdrückt. Fazit: Erwachsene stehen ständig unter Druck, kommunizieren zu müssen, vernetzt und verbunden zu sein. Für kaum einen Zeitgenossen ist es möglich, ohne Handy außer Haus zu gehen. Man könnte ja ein Kommunikationshighlight versäumen. Und selbst bei einer göttlichen Performance im Konzertsaal steht das Handy auf "lautlos". Könnte ja sein, dass man einen Anruf verpasst. Kommuniziert wird per Handy in der Straßenbahn, sodass der gesamte Wagen mithören kann, was Sonntagmittag auf den Tisch kommt. Kommuniziert wird per SMS. Im Hörsaal. Im Büro. In der Kirche. Um als erster zu erfahren, wie der gestrige Abend gelaufen ist. Kommuniziert wird per Email. Um rasch die aktuellsten News Schwarz auf Weiß zu erfahren. Und wenn wir gerade unterwegs sind, gibt’s sicher irgendwo ein Internetcafé, in dem wir zwischendurch per Webmail unsere Nachrichten abrufen können. Nur nichts versäumen. Nur immer in Bewegung, niemals still sein.

Alleinsein: Nur beim Schlafen

Um nicht auf Hochtouren ungebremst dem Absturz entgegenzulaufen, hat sich die Natur etwas sehr Angenehmes einfallen lassen: Sie hat uns mit Schlaf gesegnet, der idealerweise nächtens konsumiert wird. Es ist für viele die einzige Möglichkeit, allein zu sein, in ihre Träume einzutauchen, die Festplatte von allen Spams zu reinigen. Doch auch der Schlaf wird verkürzt, denn stolz berichten Workaholics, dass sie mit 3 Stunden Schlaf auskämen. Alles andere sei Zeitverschwendung. Doch das Bedürfnis allein zu sein verschwindet auch dann nicht, wenn wir es negieren, verdrängen. Denn der Körper pocht auf sein Recht. Kleine Fluchten aus dem Alltag ins Innere des Selbst können dann in unterschiedlichsten Ausprägungen auftreten. Wir sitzen beim ultimativ wichtigsten Meeting des Jahres, auf das wir uns mit Akribie und viel schlaflosen Nächten hintrainiert haben, um uns plötzlich dabei zu ertappen, dass wir ins "Narrenkastl" schauen. Mag. Brigitte Benczak: "Das ist eine ungeplante Flucht, verursacht durch eine unbewusste Reaktion des Körpers auf Reizüberflutung." Und abends, nach erfolgreicher Arbeit, setzen wir uns den Walkman auf und schwingen uns in die Spur. Zum Joggen. Um allein zu sein, graue Gedanken zu vertreiben. Ist das erledigt, lassen wir uns von unserem Lieblingstranquilizer beruhigen, dem Fernseher. Verbringen Stunden davor, um nicht kommunizieren zu müssen. Konsumieren mehr oder weniger konzentriert oder in eigene Gedanken versunken das mitunter fünftklassige Programm.

Alleinsein: Schenk mir eine Stunde

Den Wunsch, allein zu sein, Zeit für sich zu haben, um "zu sich zu finden", haben Forscher bereits an Babys entdeckt. Mag. Brigitte Benczak: "Auch die Kleinsten verfügen bereits über einen Mechanismus zum Selbstschutz vor einem Überangebot an Kommunikation, indem sie den Blick abwenden oder das Köpfchen wegdrehen." Experten raten daher, dem Baby eine Balance zwischen Zuwendung und Autonomie zu ermöglichen, Luft zum Atmen zu lassen: Babys trainieren in diesen ersten Phasen bereits ihre Fähigkeit zur Selbstkontrolle – werden sie überbehütet und überumsorgt, geht diese Fähigkeit verloren und es fällt ihnen im späteren Leben schwer, allein zu sein. Ideal ist es daher, eine Kontinuität im Hinblick auf Zuwendung zu entwickeln. Das Kind muss das Gefühl haben, dass Mutter und Vater auch da sind, wenn sie nicht sichtbar anwesend sind. So kann das Kind auch zu einer eigenen Autonomie finden. Auch in späteren Jahren wollen Kinder in gewissen Phasen mit sich allein sein. Sie bauen Baumhäuser und Höhlen, um sich dort zu verkriechen – völlig von der Außenwelt abgeschottet. In dieser Zeit des Alleinseins tauchen die Kinder in ihre imaginären Zauberwelten. Der Entwicklungspsychologe Jean Piaget sah in diesem Rückzugsverhalten die Basis für die Entwicklung der Intelligenz.

Alleinsein: Kreativ durch Einsamkeit

Allein zu sein hat eine heilende Wirkung. Nur in diesem Zustand ist es möglich, eine Innenschau zu betreiben. Neue Wünsche, Visionen, Ideen und Perspektiven für sich zu ordnen. Um sie dann wieder zu kommunizieren. Nur so können wir in unserer Vergangenheit zukunftsweisende Aspekte finden und zu neuen Einsichten finden. Brigitte Benczak: "Das Alleinsein hat aber noch eine andere Wirkung: Es ist wichtigste Basis für das schöpferische Potenzial und für kreative Arbeit. Während es jedoch Künstlern "erlaubt" ist, sich in ihr Inneres zu kehren – zu grübeln und zu denken, ist es Normalsterblichen meist nicht gegönnt. Meditation, lange Spaziergänge, Tagträume oder das Schreiben eines Tagebuches ermöglichen es uns, temporär aus unserer vernetzten Welt zu entfliehen. Und wieder zu dem zu finden, was wir wirklich wollen. Unser Leben zu definieren, zu ordnen, sich neu zu orientieren."

Alleinsein: Festhalten - loslassen

Gerade in einer Paarbeziehung sollte die Balance zwischen Autonomie und Bindung stimmen. Doch der gesellschaftliche Anspruch an die Partnerschaft ist mitunter unerfüllbar. Partner sollen einander alles sein. FreundIn, Geliebte/r, Ehemann oder Ehefrau, Prellbock in Krisenzeiten, Sexualobjekt. Immer aufeinander bezogen, immer einander versprochen. Kein Wunder, dass nach einiger Zeit vielleicht schon der Wunsch nach Alleinsein aufkommt. Nach Auszeit, die vom Partner meist als Kränkung erlebt wird. War die Partnerschaft in den ersten Jahren eine Art Synchronschwimmen, geht im Laufe der Zeit den Partnern zunehmend die Luft aus. Mag. Benczak: "Die Folge davon ist, dass der Partner, der sich benachteiligt fühlt, klammert, denn das Bedürfnis nach Alleinsein ist bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt." Gute Partnerschaften loten diese Basis von Anfang an aus - halten sich fest, um sich dann wieder loszulassen. Wer das nicht schafft, läuft Gefahr, dass die Partnerschaft unweigerlich durch Liebe erstickt wird. Unser ganz persönlicher Freiraum ist notwendig. In der Partnerschaft, im Beruf, in der Freizeit. Wichtig, um Distanz zu Problemen zu bekommen, um sie aus einer anderen Perspektive zu sehen. Um dann vielleicht zu erkennen: "Wo liegt denn da wirklich das Problem?"

AUTOR


Dr. Doris Simhofer
REDAKTIONELLE BEARBEITUNG


Mag. Carmen Hiertz, BA


ERSTELLUNGSDATUM


26.07.2017
QUELLEN
Interview mit Klinischer Psychologin Mag. Brigitte Benczak
Die Rückeroberung der Stille. Auswege aus Stress und Reizüberflutung, Harald Koisser, Verlag Kremayr & Scheriau, Orac, Wien, 2007
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